Bildquelle: www.mellowboards.com

Elektroskateboards – Zero Emission und die Vision des „Endless Ride“

Mit bis zu 40 km/h durch die Stadt cruisen und das vollkommen emissionsfrei. Ein Elektroantrieb für Skate- und Longboards macht’s möglich. Entwickelt wurde der Mellow Drive – ein modularer Elektroabtrieb, der unter fast allen Boards montiert werden kann – von dem Hamburger Startup Mellow Boards. Die Elektroboards können leicht überall hin mitgenommen werden, verursachen keinen Verkehrslärm und haben eine Reichweite von bis zu 15 Kilometern, danach muss der Akku aufgeladen oder ausgewechselt werden. Damit bieten sie, insbesondere in Städten, eine echte Alternative zu konventionellen Fortbewegungsmitteln, besonders um kurze Distanzen, wie etwa den täglichen Weg zur Arbeit, zurückzulegen. Doch noch hat die Sache einen entscheidenden Haken: Obwohl die Suche nach emissionsfreien Mobilitätslösungen weit oben auf der politischen Agenda angesiedelt ist, konnte sich die Regierung bisher noch auf keinen rechtlichen Rahmen für die Elektroboards einigen. Wir haben mit den Machern von Mellow Drive darüber gesprochen, warum sie trotz aller Widrigkeiten an ihrer Vision des “ Endless Ride“ festhalten.

In wenigen Sätzen: Was ist die Geschichte hinter Mellow Drive?

Am Anfang von Mellow stand die Vision des „Endless Ride“ – das Gefühl des Surfens und Snowboardens auf die Straße zu bringen. Die Idee keimte bereits, als unser Boardsport begeisterter CEO Johannes in einer Zeitschrift über einen Dieselantrieb für Skateboards gelesen hatte. 2010 stand er dann das erste Mal auf einem elektrischen Skateboard. Er hatte große Erwartungen, wurde jedoch sehr enttäuscht und dachte: Das muss doch auch besser gehen!
Das nötige technische Know-How steuerte dann Kilian bei. Als die zwei sich zufällig bei einem Surfurlaub in Marokko kennenlernten, war er noch Ingenieur für Elektrofahrzeuge bei BMW. Die Idee von einem montierbaren Skateboard-Antrieb weckte jedoch seinen Ehrgeiz. So wurde der „Endless Ride“ zu ihrer gemeinsamen Vision.
Nach der Gründung im Januar 2015 kamen über ihr Netzwerk schnell weitere Leute dazu, die für die Idee von Mellow Boards brannten. Heute arbeiten wir als 16-köpfiges Team daran, neue Standards für Elektroskateboards zu setzen und die Vision der nachhaltigen Mobilität in Städten zu verwirklichen.

Was waren die größten Hürden in der Umsetzung von der Idee zum fertigen Produkt?

Die erste große Hürde war für uns am Anfang die Finanzierung. Hardware-Startups haben extrem hohe Entwicklungs- und Produktionskosten. Den meisten Investoren ist hierbei das Risiko zu hoch. Erste eigene finanzielle Mittel und das Crowdfunding über unsere Kickstarter-Kampagne halfen uns in der Startphase. Doch den richtigen Durchbruch brachte erst die Partnerschaft mit TQ Systems, einem führenden deutschen Elektronikdienstleister im Bereich Antriebstechnik. Seit Dezember 2015 ist TQ Systems als Investor und Produktionspartner bei uns mit an Board.
Die zweite Herausforderung war, neben TQ Systems weitere Partner und Zulieferer zu finden, die den hohen Qualitätsansprüchen gerecht werden. Letztlich waren drei Jahre Konzeption, Prototypenentwicklung und Feinabstimmung zur Kombination von mehr als 300 individuell angepassten Teilen notwendig, um den Mellow Drive und den Traum vom „Endless Ride“ zu verwirklichen.
Und eine dritte Herausforderung, die wir auch noch nicht ganz überwunden haben, ist das Thema Time-to-Market. Zu unserer Kickstarter-Kampagne hatten wir die Produktentwicklungszeit schon möglichst realistisch und auch sehr großzügig geplant. Die Realität stellte sich dann aber doch anders heraus. Zum einen haben wir das ursprüngliche Design nochmal verändert, dann sind geplante Timelines zusammengekracht und kurz vor der Auslieferung haben wir uns auch nochmal Zeit genommen, den Motor zu verbessern. Das waren sehr harte existenzielle Entscheidungen, mit denen wir unsere Unternehmenswerte gefestigt haben, aber nicht wussten, ob die wartenden Kunden Verständnis aufbringen oder einen Shitstorm lostreten würden. Heute oder in einem Jahr können wir darüber schmunzeln, wie hektisch wir damals waren. Unser Fazit ist: Gute Kommunikation und nachhaltige Entscheidungen zahlen sich immer aus.

Welche Vorteile haben E-Boards gegenüber anderen emissionsfreien Verkehrsmitteln wie Fahrrädern, Pedelecs oder E-Rollern?

Als kleinstes Ein-Mann-Transportmittel sind Elektroskateboards ideal, um sich möglichst flexibel durch die Stadt zu bewegen und dabei auch noch eine Menge Spaß zu haben. Das macht sie für Brettsportler aber auch Pendler gleichermaßen attraktiv. Elektroskateboards können einfach unter den Arm geklemmt überall mit hingenommen werden. Und sie lassen sich problemlos mit Bus, Bahn, Carsharing und sogar dem Flugzeug kombinieren und sind daher auch optimal als „First- oder Last-Mile-Solution“ geeignet.

Aktuell berät der Bundestag über die Zulassung von elektronischen Kleinstfahrzeugen wie z.B. Hoverboards oder elektrischen Skate-/Longboards im Straßenverkehr. Wie hoch sind die Erfolgschancen für eine baldige Zulassung und beteiligt sich Mellow aktiv am Prozess?

Als Reaktion auf die Beschlagnahmung eines Elektroskateboards in Berlin haben wir kürzlich einen offenen Brief an den deutschen Verkehrsminister Alexander Dobrindt geschrieben, in dem wir einen konstruktiven Umgang mit E-Mobility-Innovationen fordern und Unterstützung für den aktuellen Beratungsprozess anbieten, damit wir so schnell wie möglich eine gesetzliche Regelung erreichen.
Andere Länder sind hier zum Teil schon weiter. In Kalifornien gibt es seit Oktober 2015 ein Gesetz, das es E-Skateboard-Fahrern erlaubt, überall dort zu fahren, wo auch Fahrräder unterwegs sind. Wir gehen davon aus und setzen uns dafür ein, dass ähnliche Richtlinien auch bald in Deutschland gelten werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Weiterentwicklung des Produktes, sollte es als Verkehrsmittel zugelassen werden?

Wenn es eine Zulassung gibt, ist es wahrscheinlich, dass hier ähnlich wie bei E-Bikes eine Maximalgeschwindigkeit von 25km/h festgesetzt wird. Der Mellow Drive ist werksseitig auf diese Höchstgeschwindigkeit begrenzt, kann aber nach 30km Fahrpraxis auch auf seine technisch mögliche Höchstgeschwindigkeit von 40km/h freigeschaltet werden. Denkbar wäre in Zukunft eine Light-Version an den Markt zu bringen, die auch technisch nur 25km/h erreicht, dann aber auch zu einem günstigeren Preis eine breitere Zielgruppe ansprechen würde.
Darüber hinaus haben wir diverse Ideen für Weiterentwicklungen im Kopf, da der Antrieb ja nicht an das Skateboard gebunden ist, sondern eine Vielfalt an Einsatzfeldern haben kann.

Mellow Drive
© Mellow Boards

Welche Rolle spielt die Energiebilanz in Ihrem Konzept?

Die Energiebilanz und auch die Nachhaltigkeit im Produktionsprozess sowie die Langlebigkeit des Produkts sind für uns elementar. Wir produzieren ausschließlich in Deutschland, nur einzelne Teile werden aus europäischen Nachbarländern zugeliefert. Das heißt, wir haben kurze Wege und allein dadurch schon eine optimierte Energiebilanz im Vergleich zu Produkten, die in Asien hergestellt werden, bzw. bei denen Teile aus Asien zugeliefert werden. Wir setzen auf deutsche Wertarbeit und Wertschöpfung vor Ort. Darüber hinaus haben wir den Mellow Drive auf Automotive Standard entwickelt und dabei einen Lebenszyklus von 7 Jahren angesetzt. Auf das Produkt geben wir 2 Jahre Garantie. Viele sind darüber erstaunt und sprechen von „Over-Engineering“. Wir wollten jedoch definitiv kein weiteres Wegwerfprodukt auf den Markt bringen, sondern unser Ziel war es, neue Standards in Bezug auf Qualität, Sicherheit und Design zu setzen.

Kann ich das Mellow Drive auch mit meinem Skateboard nutzen?

Der Mellow Drive lässt sich flexibel an jedes Board montieren – einfach die Hinterachse abschrauben und den Mellow Drive mit den vier Schrauben wieder befestigen. Die Idee dahinter ist, dass so jeder sein Lieblingsboard motorisieren kann, denn jeder hat unterschiedliche Vorlieben was das Deck und seine Fahreigenschaften betrifft. Darüber hinaus war uns der Gedanke der Langlebigkeit und Nachhaltigkeit wichtig – es muss kein neues Board sein, sondern alte, vielleicht schon jahrelang nicht mehr genutzte Skateboards können wo wieder zum Leben erweckt und weitergenutzt werden.

Das Mellow Drive hat anstelle eines Riemen-getriebenen Systems einen Nabenmotor. Was ist der Unterschied?
Elektroskateboards mit Riemenantrieb haben oft mehr Power, sodass diese bei steilen Straßen wie in San Francisco klar im Vorteil sind. Dafür ist die Reichweite meist geringer, die Boards können ohne Motor überhaupt nicht gefahren werden und der Antrieb verschleißt schneller. Nabenmotoren sind bei Elektroskateboards „state-of-the-art“. Darüber hinaus sind die Mellow Motoren auf Automotive Standard entwickelt worden und setzen neue Maßstäbe in Punkto Fahrverhalten, Geräuschentwicklung und Sicherheit.

Sie bringen sich mit Insight Videos und Artikeln beispielsweise zu den Themen Entwicklung und Sicherheit sehr stark in die Community ein. Welche Rolle spielen für Sie Transparenz und eine enge Interaktion mit den Kunden?

Wir wollen nicht einfach nur ein Produkt auf den Markt bringen, sondern wir verfolgen die Vision, den „Endless Ride“ auf die Straße zu bringen. Da ist es für uns wichtig die gesamte Elektroskateboard Community voranzubringen und durch die Auseinandersetzung mit wichtigen Themen, Verantwortung zu übernehmen.
Wir haben eine sehr lockere, offene und authentische Art, die extrem viel Nähe erzeugt. So ist die Kommunikation über Social Media einfach gewachsen, weil wir mit der erweiterten Mellow Family, unseren Kickstarter-Unterstützern und Pre-Order-Kunden in Kontakt bleiben wollten. Dahinter standen am Anfang weniger strategische Überlegungen.
Heute wissen wir, dass insbesondere Videos sehr wichtig für uns sind. Wir haben ein sehr emotionales Produkt. Man muss einmal draufgestanden haben, das Adrenalin, die Geschwindigkeit und das Dahingleiten gespürt haben. Das begeistert viele und lässt sie nicht mehr los. Per Video können wir zumindest einen Teil des Fahrerlebnisses vermitteln.
Über unseren Blog wollen wir primär Einblicke in den Mellow Drive geben und Orientierung rund um das Thema Elektroskateboard bieten. Wenn wir von einem High-End Produkt sprechen, müssen wir – teilweise auch sehr nerdig – zeigen, was die hohe Qualität des Produkts ausmacht.
Authentizität und unsere hohe Reaktionsfreude – das wird uns von vielen Kunden widergespiegelt – ist das, was uns vom Wettbewerb unterscheidet und echt gut ankommt.

Drei Viertel der in einer Delphi-Studie befragten Energieexperten glauben, dass im Jahr 2040 eine „All Electric Society“ Realität sein wird. Wie stehen Sie zu dieser These?

Wir halten 2040 für sehr sportlich, aber für sehr wünschenswert. Die „All Electric Society“ bahnt sich definitiv an. Wir glauben aber, dass sich die Mobilität der Zukunft aber vor allem auch darüber hinaus radikal verändern wird. Aktuell stehen wir mit dem Auto durchschnittlich noch 216 Stunden pro Jahr im Stau. Die Infrastruktur der Zukunft wird sich nicht mehr primär um das Auto drehen sondern um den Menschen mit einer Vielfalt an nachhaltigen Mobilitätslösungen, die die Lebensqualität in Städten erheblich verbessern wird.