Wenn der Strom aus dem Takt gerät

Die Angst um die Zunahme von Stromausfällen durch den größer werdenden Anteil regenerativer Energie ist allgegenwärtig. Doch statt eines Ausfalls durften die Menschen im europäischen Stromverbundnetz ein verblüffendes Phänomen erleben: Auf Grund von Frequenzunterschieden wurde ihnen Zeit geschenkt.

Diese Aussage stimmt so natürlich nicht ganz, aber die einfachen Zeitmesser, wie sie zum Beispiel in Backöfen zu finden sind, gehen seit Mitte Januar summiert bis zu 7 Minuten nach. Wir wollen uns daher das Problem einmal genauer anschauen.

Wie kann der Strom aus dem Takt kommen?

Wer in den letzten Tagen häufiger die Uhren seiner in Küchengeräte oder Radiowecker einstellen musste, hat sich vielleicht die Frage gestellt, warum die sonst so zuverlässige Zeitmessung aus dem Takt geraten ist. Das liegt dieses Mal aber nicht an den Haushaltsgeräten, sondern an unserem Stromnetz. Bekanntlich ist der Haushaltsstrom ein Wechselstromnetz, dessen Polarität 50 Mal in der Sekunde (50 Hertz) bei einer Effektivspannung von 230 Volt wechselt. Das ist keine in Stein gemeißelte Vorgabe – In Nordamerika bspw. ist der Wechselstrom historisch bedingt auf 60 Hertz mit einem Nennwert von 110 Volt – vielmehr sind diese Werte in der Anfangsphase der Elektrifizierung entstanden und wurden auf Grund des Aufwands nicht mehr verändert.

Ins Schwanken geriet diese Frequenz nun auf Grund der politisch bedingten Unstimmigkeiten zwischen dem Kosovo und Serbien. So wurde in diesem Bereich weniger Strom zur Verfügung gestellt, als dies vom Verbrauch her notwendig war. Die Folge war eine Verringerung der Netzfrequenz. Der Unterschied betrug zwar nur rund 0,03 Hertz, aber dieser Unterschied summierte sich seit Mitte Januar kontinuierlich auf, so dass die Verbraucher bis heute ein Nachgehen der Uhren von bis zu sieben Minuten bemerken konnten.

Warum bemerken wir den Unterschied auch in Deutschland?

Obwohl die Ursache auf dem Balkan zu verorten ist, konnten auch deutsche Verbraucher den Unterschied feststellen. Das liegt am europäischen Verbundnetz, welches offiziell 43 Übertragungsnetzbetreiber aus 36 europäischen Ländern in der „European Network of Transmission System Operators for Electricity“ (ENTSO-E) vereinigt. Ziel der zusammengefassten Organisationen ist die zuverlässige Übertragung der elektrischen Energie in Form eines Dreiphasen- bzw. Drehstroms. Dazu gehört auch, Unter- oder Oberstrommengen gegenseitig auszugleichen und damit das 50 Hertz Wechselstromnetz zu erhalten. Doch dieser Ausgleich konnte regional nicht erfolgreich durchgeführt werden, was zu Auswirkungen im gesamten Verbundnetz geführt hat.

Solche Unterschiede in der Übertragungsfrequenz können theoretisch zu Problemen für das gesamte Stromnetz führen, doch davon ist das europäische Verbundnetz noch weit entfernt: Erst ab einer Frequenz von 49 Hertz werden Maßnahmen zum Erhalt des Netzes notwendig. Trotzdem sollte man sich im Klaren sein, dass die Schwankungen in der Wechselstromfrequenz zunehmen und damit auch das Nachstellen der darauf basierenden Uhren häufiger notwendig werden wird. Wer keine Lust hat den nächsten Bus zu verpassen, sollte lieber auf Nummer sicher gehen und eine Funkuhr oder der Smartphone zur Zeitmessung nehmen.