Einmal digitaler Nomade, immer digitaler Nomade


Sebastian Kühn

Sebastian Kühn ist 34 und stammt aus Berlin. 2012 hat er seinen Bürojob aufgegeben und zog mit seiner Freundin nach Shanghai. Seitdem lebt und arbeitet Sebastian überall auf der Welt als digitaler Nomade. Vor ungefähr einem Jahr hat Sebastian uns in einem Interview von seinem Leben berichtet und wir sind gespannt, was sich seitdem getan hat.

Vor ungefähr einem Jahr hast du uns von deinem Leben als digitaler Nomade berichtet. Was hat sich seitdem getan?
Zunächst einmal vielen Dank dafür, dass ich noch einmal zu Wort kommen darf. Es hat sich im letzten Jahr viel getan. Nach einer sehr reiseintensiven Zeit sind wir im Oktober 2016 nach Singapur gezogen und haben hier einen festen Mietvertrag für ein Jahr unterschrieben. Es ist ein schönes Gefühl, wieder einen festen Rückzugsort zu haben und sich (wenn auch nur temporär) einzurichten. Viel Zeit habe ich mich meiner immer stärker werdenden Leidenschaften, dem Schreiben, gewidmet und eine zweite Auflage des Wireless Life Guide veröffentlicht. Außerdem habe ich im letzten Jahr 5 Workations veranstaltet und verschiedene neue Projekte gestartet. Wenn ich zurückblicke, dann sehe ich, dass nicht nur ich mich sehr stark weiterentwickelt habe, sondern auch die gesamte digitale Nomadenszene immer größeren Zuspruch findet.

Von welchen Ländern aus hast du im letzten Jahr gearbeitet? Was war dabei dein Highlight?
In den letzten 12 Monaten habe ich wirklich quer über den Globus verteilt gearbeitet – Mexiko, USA, Marokko, Estland, Bali, Thailand, Vietnam, China und Singapur. Aber so komisch es klingen mag, das Highlight war ein längerer Heimatbesuch in Berlin im vergangenen Sommer. Zum ersten Mal seit 2012 war ich für mehr als einen Monat am Stück zurück in Deutschland und habe sowohl den Berliner Sommer als auch die Zeit mit alten und neuen Freunden sehr genossen. Als Highlight außerhalb von Deutschland würde ich Ko Lanta (Thailand) und Bali bezeichnen. Nicht nur wegen der schönen Landschaften und der Mentalität vor Ort, sondern wegen der tollen Menschen, die ich dort (wieder) getroffen habe.

Welches Land/welche Stadt ist aus deiner Sicht am fortschrittlichsten, wenn es um modernes Arbeiten geht?
Wenn wir Fortschritt als Offenheit gegenüber neuen Arbeitsmodellen wie Remote Working oder auch digitaler Selbständigkeit sehen, dann sind das sicher große Industriestaaten wie die USA und Australien. Dort werden nicht nur flexible Anstellungsmodelle unterstützt, sondern es gibt auch eine ganz andere Einstellung gegenüber der Selbständigkeit. Unternehmertum wird in Deutschland viel zu wenig gefördert und hat in der Gesellschaft immer noch überwiegend negative Assoziationen. Als Gesellschaft schätzen wir die Sicherheit und meiden das Risiko des Scheiterns, was dazu führt, dass sich immer noch nicht genug Menschen trauen, alternative Lebenswege einzuschlagen.
Sehr spannend finde ich auch die Entwicklungen in Estland, wo es mit der e-Residency ein Programm gibt, bei dem sich Ausländer als virtuelle Bürger bewerben und dann über eine ID-Karte öffentliche Services wie die Anmeldung von Unternehmen oder die Eröffnung von Bankkonten nutzen können. Das ist besonders spannend für Freelancer und kleine Unternehmer, die ihre Geschäfte über Ländergrenzen hinweg betreiben.

Gibt es ein Land/eine Stadt an dem du dir vorstellen könnest, dich dauerhaft nieder zu lassen?
Es gibt so viele tolle Orte, an denen ich gerne für längere Zeiträume bin. Ich habe gelernt, dass mir die Abwechslung zwischen Großstadt und kleiner, verschlafener Insel wichtig ist. Dabei schätze ich das vertraute Gefühl, an einen bekannten Ort zurückzukehren, aber auch keine Langeweile einkehren zu lassen. Deshalb ist für mich momentan ein Modell der Multi-Lokalität sehr erstrebenswert. Ich kann mir langfristig gut vorstellen, je nach Jahreszeit und Laune alle paar Monate meinen Lebensmittelpunkt zwischen Großstädten wie Singapur, Berlin oder Barcelona und ruhigen Orten in Andalusien, an der mexikanischen Küste oder auf Bali zu wechseln.

Stell dir vor, du müsstest heute noch mal in einem „normalen“ Büro arbeiten. Was müsste ein Büroarbeitsplatz bieten, um für dich eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen?
Wenn die Bedingungen stimmen, dann kann ich mir das sehr gut vorstellen. Ich arbeite oft in Coworking Spaces, die ja nichts anderes sind als große Gemeinschaftsbüros mit lockerer Atmosphäre. Was ich mir nicht mehr nehmen lassen möchte, ist die Flexibilität, die viele Bürojobs nicht bieten. Ich möchte selbst entscheiden können, zu welchen Zeiten ich ins Büro komme und wann ich auch mal Zuhause bleibe. Es ist dieser Zwang zur Anwesenheit und die Messung der Performance anhand geleisteter Stunden, die mich in meinen Jobs gestört hat. Eine andere wichtige Sache für mich ist Mitbestimmung. Ich möchte das Gefühl haben, dass ich nicht austauschbar bin, sondern mit meiner Arbeit tatsächlich etwas bewirken kann.

Was denkst du, ist Millenials bei ihrem Arbeitsplatz und ihrem Arbeitsumfeld wichtig?
Mit 34 Jahren würde ich mich ja selbst noch zu den älteren Millenials zählen. Für mich und auch jüngere Menschen, mit denen ich spreche, sind Flexibilität und Selbstbestimmung die entscheidenden Werte. Für junge Menschen gibt es heute so viele Alternativen zur klassischen Karriere wie nie zuvor. Sie suchen heute nach Selbstverwirklichung (was auch immer das für den Einzelnen bedeutet), anstelle finanziell getrieben zu sein. Ein großes Problem, das mit all diesen verfügbaren Optionen aufkommt, ist, dass wir uns nicht mehr entscheiden können oder wollen. Wir sind durch Smartphone und soziale Netzwerke ständig abgelenkt und springen von einem Vorhaben zum nächsten. So gut wie es ist, sich auszuprobieren, so wichtig finde ich es, sich auch mal in einen Job oder eine Geschäftsidee so richtig reinzubeißen und nicht beim ersten Widerstand aufzugeben.

Welche Geschichte eines anderen digitalen Nomaden aus deiner Wireless Life Community hat dich am meisten begeistert?
Es gibt sowohl auf persönlicher als auch auf professioneller Eben so viele schöne Geschichten von Menschen, die ich in den letzten Jahren treffen oder sogar begleiten durfte. Es gibt Paare, die sich auf Workations gefunden habe, ungeliebte Jobs, die gekündigt wurden und tolle Unternehmen, die entstanden sind. Eine Geschichte, die mich aber zutiefst berührt, ist die von Tanja und Björn. Mit Anfang 40 haben sich die beiden entschieden, ihr altes Leben in Deutschland aufzugeben und die Welt zu bereisen. Als Testlauf kamen sie im Sommer 2015 auf eine einmonatige Workation zu uns nach Bali. Ein halbes Jahr später haben sie sich aus Deutschland abgemeldet und wieder auf den Rückweg nach Asien gemacht. Ihre Webdesign-Agentur haben sie von unterwegs weitergeführt. Anfang 2016 mussten die beiden dann ihre erneute Teilnahme bei einer Workation kurzfristig absagen. Der Grund dafür war ein echtes Wunder: Tanja war schwanger, nachdem die beiden ihren Kinderwunsch nach langem Probieren schon aufgegeben haben. Ob das asiatische Essen oder die neuen Lebensumstände für dieses kleine Wunder verantwortlich waren, werden wir wohl nie herausfinden. Die Risikoschwangerschaft bedeutete jedoch auch absolutes Flugverbot, weshalb die beiden bis zur Geburt in Bangkok bleiben mussten und ihre Zwillinge dort zur Welt brachten. Mittlerweile leben sie in Kuala Lumpur und haben mich vor ein paar Wochen in Singapur besucht. Es ist unbeschreiblich, wie viel Glück Tanja und Björn in ihrem “neuen Leben” ausstrahlen und wie sehr sich innerhalb von 2 Jahren ihre kleine Welt komplett um 180 Grad gedreht hat.