Google, Apple und Co


(Wie) Werden die IT-Giganten Einzug ins Gebäude halten?

von Prof. Dr. Christian Pätz

Die konsequente Anwendung von Informationstechnologie hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Industrien grundlegend verändert. Nennenswert sind hier der Einzelhandel durch Amazon, die Musik –und Filmindustrie durch Apple, das Taxigeschäft durch Uber oder das Hotel- und Übernachtungswesen durch AirBnB.

Allen diesen Veränderungen ist gemeinsam, dass entweder Startups oder bereits etablierte Unternehmen der IT nahezu überfallartig ein neues Geschäftsmodell in einer Industrie einführten und die bestehenden Unternehmen damit in größere Schwierigkeiten brachten. Es spielte dabei übrigens keine Rolle, ob die veränderten Industrien vorher schon hocheffi zient (Buchhandel) oder dank starker staatlicher Regulierungen und viel manueller Arbeit (Taxi) nahezu grotesk ineffi zient waren. Die entscheidende Eigenschaft der betroff enen Industrien war ihre attraktive Größe, die Größe der Margen und die teilweise unfaire Verteilung dieser Marge über die Anbieter im Markt. Dazu kommt die entscheidende Eigenschaft, die Nachfragemacht der Endkunden zu aktivieren und als entscheidenden Hebel einzusetzen.

Marktmacht entsteht durch die Beziehung zum Endkunden.

Welche Industrie wird als Nächstes eine derartige Transformation durch den Einsatz der Informationstechnologie erleben (müssen)? Marktgröße, konservative Geschäftsmodelle, Silodenken und mangelnde Vernetzung und Abstimmung der einzelnen „Gewerke“ und fehlende Endkundenorientierung lassen den Wohnungs-/Hausmarkt als geeignet erscheinen.

Zum Glück ist das Leben einigermaßen fair und sendet Warnsignale, die nur leider für viele schlecht zu erkennen sind. Als Rio im Jahre 1998 den ersten portablen Musikspieler auf MP3 Basis auf den Markt brachte, sahen nur wenige die Revolution vor ihren Augen. Langsam, hässlich, wenig Musikauswahl und zeitaufwändiges Laden. Es dauerte noch drei Jahre, bis Apple mit dem ersten iPod ein brauchbares Gerät auf den Markt brachte und das Ende der Musik-CD einläutete. Interessant dabei: Die Musik hat sich nicht verändert aber die Hörgewohnheiten und der Verteilkanal.

Eine ähnliche Situation ist heute im Bereich des „Smart Home“ zu beobachten. Der Begriff „Smart Home“ beschreibt die Durchdringung traditioneller Wohn –und Arbeitsbereiche durch IT Technologie. Dabei lassen sich eine Reihe bemerkenswerte Beobachtungen machen:

  1. Die Anbieter in der Industrie scheinen kein Interesse daran zu haben, das Haus smarter zu machen. Zwar werden von nahezu allen Anbietern „smarte“ Systeme propagiert. Diese sind aber weniger an den Bedürfnissen und Wünschen des Endkunden – komplette Vernetzung – als an eigenen Geschäftsinteressen orientiert.
  2. Der gemeinsame ‚Standard’ zur Hausvernetzung mit Namen KNX ist ein schönes Beispiel für den Versuch, Bestehendes zu erhalten: Bürokratisch, teuer (gut für die Anbieter), kabelgebunden (gut für die Elektriker), mit wenig Verbindung in die Unterhaltungselektronik, Computertechnik und Hausgeräte (schlecht für den Endkunden).
  3. Neue innovative Ansätze kommen aus unerwarteter Ecke. Wer hätte einem ehemaligen Online-Buchhändler mit Namen Amazon zugetraut, die erste funktionsfähige Sprachsteuerung für den Heimgebrauch erfolgreich im Markt zu etablieren? Im Einführungsjahr werden in Deutschland wahrscheinlich mehr solche Sprachsteuerungen verkauft als neue Wohnungen gebaut.

Natürlich kann ein Gadget wie Alexa keinen Bauantrag ersetzen und keinen Stein auf den anderen stellen. Aber jeder weiß, dass Marktmacht letztlich durch die Beziehung zum Endkunden entsteht und genau diese Beziehung damit immer wertvoller wird. Auch ist Alexa nicht die entscheidende Innovation, sondern nur die Vorwarnung für die kommende größere Veränderung. Wer wird in Zukunft den Löwenanteil der Marge im Wohnungs- und Baumarkt bekommen? Wer treibt wen vor sich her? Werden es sich traditionelle Anbieter von Licht/Heizung/Verschattung noch leisten können, eigene Steuersysteme im Markt zu etablieren oder werden Sie zu reinen Ausführmechaniken für ein Wohnerlebnis, das andere Anbieter kreieren, vermarkten und sich gut bezahlen lassen? Welche Rolle werden staatliche Regulierung und Aufsicht in Zukunft spielen? Können die Branchengroßhändler ihre Rolle behaupten oder werden Sie zu Verteilzentren für Baustoff e, deren Margen an den Grenzkosten liegen? Vielleicht braucht es die Handelsstufe auch gar nicht mehr, weil intelligente IT alle notwendigen Produkte zeitnah vom Hersteller direkt zur Baustelle liefert. Welche Rolle werden Bemusterungszentren der Einkaufsgenossenschaften spielen, wenn neue Anbieter das Wohnerlebnis mit 3D Welten simulieren und so Nachfrage und Wünsche steuern können? Welches Ansehen wird ein Architekt noch haben, dessen Kreativität immer weniger Berücksichtigung findet?

Das Thema Smart Home ist ein wichtiger Frühindikator im Haus- und Wohnungsmarkt. Es lohnt sich, dort jetzt Kompetenzen aufzubauen und zwar solche, die über die Angebote einzelner Hersteller hinweggehen und „vernetzend“ wirken. Um es mit den Worten Michael Gorbatschows zu sagen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

Prof. Dr. Christian PätzProf. Dr. Christian Pätz
Europäischer Sprecher
Z-Wave Alliance

Handelsblatt Journal ImmobilienwirtschaftDieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Immobilienwirtschaft“, das Sie hier erhalten können.