Das Büro als Bewegungsraum – Interview mit Burkhard Remmers [Wilkhahn • Wilkening + Hahne]


Burkhard Remmers  ist Leiter Internationale Kommunikation und Public Relations bei der Wilkhahn • Wilkening + Hahne GmbH + Co. KG und Referent der Future Workplace & Office Tagung. Im Interview beantwortete er uns Fragen zum Einfluss von Büromöbeln auf die Produktivität und den Arbeitsplatz der Zukunft.

Wie stark ist der Einfluss von Büromöbeln auf die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter?

Weil unser Verhalten und unser Befinden sehr stark vom Unterbewusstsein beeinflusst ist, spielen die Umgebungsfaktoren eine enorm wichtige Rolle. Und dazu gehört natürlich die Einrichtung. Inzwischen sind in mehreren Studien, etwa des Fraunhofer IAO, die Zusammenhänge zwischen Mitarbeiterzufriedenheit, Umfeldgestaltung und Leistungsfähigkeit empirisch nachgewiesen. Es gibt aber auch ganz direkte messbare Effekte: So sorgt etwa mehr Bewegung am Schreibtisch nicht nur für eine Aktivierung des Körpers sondern auch der mentalen Fähigkeiten. Das Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung der renommierten Deutschen Sporthochschule Köln hat dazu mit 80 Probanden eine vergleichende Feldstudie durchgeführt, bei der durch einen wissenschaftliche anerkannten Test die Konzentrationsleistung gemessen wurde: Wie schnell, wie genau und wie gleichmäßig werden die Aufgaben gelöst? Nach drei Monaten wurde wieder gemessen und die Interventionsgruppe hatte sich gegenüber der Ausgangsmessung und der Kontrollgruppe in allen drei Parametern deutlich verbessert. Die jüngste Studie, die mit modernsten sportwissenschaftlichen Messmethoden durchgeführt wurde, zeigt im Kontext mit mehr Bewegung beim Sitzen eine deutliche verbesserte Stoffwechselaktivität der Muskulatur im Lumbalbereich – die bei schlechter Versorgung hauptverantwortlich für Rückenschmerzen in der Büroarbeit ist. Es ist faszinierend zu sehen, wie bisherige „Soft-Facts“ wie beispielsweise Büromöbel auf einmal naturwissenschaftlich objektivierbar und damit rechenbar werden. Krankheitskosten einerseits und Produktivität andererseits sollten auch im Büro auf dem Schirm sein.

Was sind Ihre Tipps für mehr Wohlbefinden am Arbeitsplatz?

 Wohlbefinden beschreibt eine Qualität geistiger und körperlicher Befindlichkeit. Selbstbestimmung, Einflussmöglichkeiten, ein gutes Betriebsklima und die entsprechende Führungskultur gehören ebenso dazu, wie den Kompetenzen und Qualifikationen angemessene Aufgaben, die richtigen „Arbeitswerkzeuge“, Raumqualitäten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Licht sowie die physiologischen Grundvoraussetzungen mit ausreichender Bewegung und gesunder Ernährung. Erholung entsteht immer im Wechsel aus Belastung und Entspannung. Wir sind viel mehr Biologie, als wir manchmal wahrnehmen. Wer das ernst nimmt, mit seinem „inneren Schweinehund“ umgehen kann und nicht nur im Job sondern auch privat achtsam mit den biologischen Basics umgeht, der hat gute Voraussetzungen. – Und er entwickelt damit übrigens auch eine gute Stressresilienz.

Wie sieht der ideale Future Workplace in Ihren Augen aus?

Er sollte attraktiv sein und Qualitäten bieten, die ich woanders, etwa zu Hause oder unterwegs, nicht finde. Er sollte für die jeweilige Aufgabe die besten Werkzeuge und Umgebungsfaktoren bereitstellen. Er sollte einen Rahmen bieten, in dem ich meine Individualität ausleben kann, und gleichzeitig die sozialen Qualitäten stärken, wie unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit oder auch die Identifikation mit dem Team und dem Unternehmen. Der ideale Future Workplace, ist ein Ort, an dem ich mit den anderen wirklich sein möchte.

Warum ist die Gestaltung des Arbeitsplatzes so wichtig geworden?

Schlagworte wie Fachkräftemangel, demografischer Wandel sind nur einige Aspekte, die zeigen, dass es bei Mitarbeitern nicht mehr um beliebig verfügbare und austauschbare Ressourcen geht. Die technologischen Möglichkeiten und die Dynamik der Entwicklungen erfordert ein Umdenken nahezu aller Parameter, unter denen bislang Büroarbeit gestaltet und organisiert wurde. Denn mit der Digitalisierung rückt zum ersten Mal wirklich der Mensch ins Zentrum der Wertschöpfung. Er wird vom Objekt zum Subjekt, das ganz wesentlich über das Wohl und Wehe des Unternehmens entscheidet. Die Arbeitsplatzgestaltung muss daher heute Fragen beantworten, die sich vor zehn Jahren noch gar nicht gestellt hatten: Wie gewinne und binde ich durch eine attraktive Gestaltung der Arbeitsplätze die gesuchten Mitarbeiter? Wie kann ich durch geeignete Ausstattungen Kommunikation und Kooperation fördern, die zu den Kernaufgaben der Büros geworden sind?  Und wie gestalten wir gesunde Arbeitsplätze, um unsere Mitarbeiter möglichst lange arbeitsfähig zu erhalten, weil im Zweifelsfall kein Ersatz verfügbar ist? Und nicht zuletzt: Wie schaffe ich Identität in einer immer komplexeren und oft genug komplizierten Welt, um Vertrauen und Sicherheit in den Beziehungen zu stärken?