Von „AUF der Haut“ zu „UNTER der Haut“ — Interview mit einem Cyborg


Cyborg Interview Patrick Kramer digiwell

Patrick Kramer ist ein Cyborg. Wir haben uns mit dem Chief Cyborg Officer von digiwell unterhalten, um den oft missverstandenen Begriff Cyborg gerade zu rücken. Und erfahren, dass es sowohl privat als auch im Beruf praktisch sein kann, ein Cyborg zu sein. 

Herr Kramer, bei einem Chief Cyborg Officer habe ich als erstes das Bild eines gefühlskalten Anführers mit einer martialischen Roboter-Armee hinter sich vor Augen. Das digiwell-Team ist das genaue Gegenteil. Ist der Cyborg-Begriff für die meisten Menschen noch falsch belegt?

Absolut. Die meisten Menschen denken dabei an den Terminator (der aber auch kein Cyborg ist) oder an andere „Killer-Maschinen“ à la Hollywood. Der Begriff „Cyborg“ steht für „cybernetic organism“ – also ein Wesen mit sowohl organischen als auch biomechatronischen Teilen. Das sind vor allem Menschen mit z.B. einem Herzschrittmacher oder einem Cochlea-Hörgerät.

Seit wann sind Sie Cyborg? Wieviel Implantate haben Sie? Wofür nutzen Sie die im Alltag schon heute?

Zur Zeit habe ich nur ein Implantat im Körper. Ich tausche hin und wieder aus, nicht weil man das müsste, sondern weil wir u.a. auch das Einsetzen bzw. das Rausnehmen testen und optimieren. Es ist ein Microchip, der mir jeden Tag viel Freude macht und den ich im Alltag nicht mehr missen möchte. Mein Implantat hat mir komplett meinen Haustürschlüssel ersetzt. Es ist einfach großartig, das Haus verlassen zu können, ohne an einen Schlüssel denken zu müssen. Dann habe ich noch ein paar private Daten drauf, … mein Ehegelübde und die Geburtsdaten meiner Kinder. Das wechselt aber auch oft zwischen Visitenkarte, Notfalltelefonnummern, GPS-Koordinaten oder meinen Social Media Links.

Es ist nur ein kleiner Schritt von AUF der Haut… hin zu UNTER der Haut.

Sie veranstalten Biohacking Happy Hours, in denen man sich spontan Implantate einsetzen lassen kann. Das Ganze wirkt noch wie ein Gimmick und Nice To Have. Kann Biohacking unser Leben nicht nur einfacher und spaßiger machen, sondern auch besser?

Spontan sollte man sich nicht upgraden lassen. Ich kläre vorab, ob die medizinischen und geistigen Grundlagen stimmen. Die Happy Hour entstand auf der CeBIT, damit wir den gigantischen Andrang besser handhaben konnten. Wir haben dort über 125 Personen in den fünf Tagen mit Implantaten versehen.

Ich glaube fest daran, dass Implantate in Zukunft eine große Rolle spielen werden. Gab es in den 80/90igern noch „Portables“ wie den Walkman, reden wir jetzt alle über die „Wearables“. Technologie wird immer kleiner und gleichzeitig leistungsstärker. Da ist es nur ein kleiner Schritt von AUF der Haut… hin zu UNTER der Haut. Implantate werden in Zukunft unser Leben massiv erleichtern. Nie mehr Schlüssel, nie mehr EC- oder Kreditkarten, nie mehr diesen ganzen Kram mitschleppen müssen, den wir im Portemonnaie oder in der Tasche immer dabei haben. Bonuskarten, Blut- oder Organspendeausweis. Es gibt so viele Möglichkeiten, damit unser Leben einfacher wird.

Wann werden Ihrer Meinung nach smarte Implantate bzw. Body-Upgrades nicht nur für Experten wie Sie, sondern auch für die ganze Gesellschaft normal sein?

Was ist denn „normal“? Dank Implantaten können viele Menschen mit fehlenden Gliedmaßen oder sogar Gehirnstörungen wieder ein halbwegs normales Leben führen. In einigen Bereichen sind Implantate dem menschlichen Körper schon überlegen. Gerade Microchips sind so klein und haben keinerlei Nachteile, dass ich davon ausgehe, dass die Akzeptanz ansteigen wird. Es gab gerade eine weltweite Marktforschungsstudie bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren. Fast 70% der Befragten können sich vorstellen, ein Implantat zu haben, wenn es das „digitale Erlebnis“ steigert. Aber es braucht seine Zeit, um gesellschaftliche Akzeptanz zu finden.

Ist Biohacking nur etwas für die private Nutzung? Oder wie kann ein Unternehmen Biohacking nutzen?

Biohacking hat ja immer was mit den Menschen zu tun, sie zu upgraden bedeutet, sie performanter zu machen. Wir verzeichnen aus fast allen Industrien derzeit Anfragen. Aber ganz ehrlich… die Unternehmen tun sich schon schwer mit dem Thema „Digitale Transformation“ ihrer Geschäftsmodelle und Prozesse, und jetzt auch noch „Digitale Transformation 2.0“ – also des Menschen. Das ist für viele Unternehmen noch schwerer vorstellbar. Insbesondere weil es freiwillig ist. Sie können keinen Vorstandsbeschluss formulieren, wonach die Mitarbeiter ein Implantat haben müssen, um gewisse Arbeiten auszuführen. Aber, dort wo Mitarbeiter es freiwillig akzeptieren, kann geschaut werden, wo und in welcher Form Optimierungen angestrebt werden können, das ist natürlich von Branche zu Branche verschieden.

Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten: Mitarbeiterausweise z.B. nutzen fast alle. Wenn die vergessen oder verloren werden, ist das Ausstellen eines „Tagesausweises“ mit Kosten verbunden. Das kann alles entfallen. Payment-Lösungen, Security, Access-Control und Ticketing sind jetzt im Kommen. Das sind Themen, die fast alle Branchen beschäftigen.
In naher Zukunft werden sich aber auch sehr industriespezifische Lösungen entwickeln, ob es jetzt für den Kunden ist, der ein Implantat schon trägt, oder für das Unternehmen, das Produkte oder Services entwickelt.

Was ist wahrscheinlicher? Dass mir jemand mit hohem technischen Sachverstand meine Hand heimlich ausliest oder sie gar abhackt, oder dass ich meinen Haustürschlüssel verliere oder er mir geklaut wird?

Natürlich kommt in Deutschland noch eine Frage zum Datenschutz. Muss ich als Implantierter irgendwann Angst haben, gehackt oder gar manipuliert zu werden? Sind Implantate heute schon cybersecure?

Diese Frage ist absolut berechtigt und leider mit sehr viel Vorurteilen behaftet und nicht so einfach zu beantworten. Vorweg erstmal, es gibt nicht „das eine Implantat“. Sie unterscheiden sich in Funktionalität und Auslesbarkeit.

Allen gemeinsam ist erstmal, dass sie z.B. weder geortet noch sonst wie kontrolliert werden können. Sie sind so klein, von außen nicht sichtbar und werden auch nicht durch die hochmodernen Nackt-Scanner am Flughafen erkannt. Das Setzen von Passwörtern ist bei den gängigen Implantaten auch möglich. Ich vergleiche z.B. mein Implantat gerne mit einem klassischen Schlüssel… was ist wahrscheinlicher, dass mir jemand mit hohem technischen Sachverstand meine Hand heimlich ausliest oder sie gar abhackt, oder dass ich meinen Haustürschlüssel verliere oder er mir geklaut wird? Ich glaube die Antwort ist eindeutig.

Die neueste Generation an Implantaten geht schon einen deutlichen Schritt weiter. Sie erlauben es ihrem Benutzer kryptographische Schlüssel im eigenen Körpern zu erzeugen. Normalerweise liegen diese Schlüssel in digitalen „Containern“ oder „Schubladen“ auf dem PC oder dem Smartphone und sind so, da übers Internet vernetzt, grundsätzlich hackbar. Wenn Hacker also PINS und Passwörter (keys) stehlen, verschaffen sie sich einfach Zugang zu dem Bereich des PCs oder Smartphones, wo diese „keys“ liegen. Ein typischer Identitätsdiebstahl ist die Folge. Der Datendieb kann jetzt online-shoppen, Geld aus dem Automaten ziehen oder irgendwas online posten – ein gewaltiger Schaden ist die Folge. Die neue Generation an Implantaten macht das unmöglich. Sie gibt uns volle Kontrolle über unsere Daten, d.h. sie erlaubt es uns, unsere biologische mit unserer digitalen Identität zu vereinen und beides zu kontrollieren.

Nicht mehr Google oder Facebook haben dann die Hoheit über unser digitales Ich, sondern wir selbst entscheiden, wer welche Daten in welcher Form nutzen darf. Wir werden in der Lage sein, dank der Kryptographiemöglichkeit der Implantate, unsere Identität eindeutig zu beweisen, zu beweisen, dass eine Transaktion eindeutig von uns stammt und von niemand anderem. Insbesondere Bezahlmöglichkeiten, Security-Anwendungen, Schließsysteme, Datenspeicherung und sogar Activity-Tracking-Funktionen können so ermöglicht werden. Diese Generation an Implantaten kann nicht gestohlen oder gehackt werden. Man braucht kein Bargeld mehr, die EC- und Kreditkarte könnte zu Hause bleiben, Haustürschlüssel braucht man sowieso nicht mehr, der Firmenausweis hat ausgedient und Facebook und Google können mit den eigenen nicht-autorisierten Daten nichts mehr anfangen.

Patrick Kramer

 

Patrick Kramer ist Chief Cyborg Officer bei digiwell, einem Unternehmen, das sich auf Smart Implants, Activity-Trackers und innovative Ernährung spezialisiert. Bei #globaltech17 wird er zusammen mit seinem Team die Möglichkeiten von Smart Implants erklären und durch ein Live-Biohacking hautnah erlebbar machen.