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Auswirkungen der aktuellen Zinsentwicklung auf die Pensionsbilanzierung

11.05.2015FinanceNiedrigzinsen , Pensionskassen, IAS 19

Welchen Einfluss hat die andauernde Niedrigzinsphase auf den Diskontierungszins für IAS 19-Zwecke? Sollen Unternehmen den Zinssatz selbst ableiten? Müssen Pensionsversprechen flexibler gestaltet werden?   Interview mit Herr Dr. Martin Schloemer, Accounting Principles & Policies, Bayer AG, Referent auf der 16. Jahrestagung Praxisforum Rechnungswesen in Frankfurt.

IAS 19 — zwischen minimierten Risiken für Unternehmen und hinreichenden Chancen für Mitarbeiter

Herr Dr. Schloemer, die Diskussion um den “richtigen” Diskontierungszins für IAS 19-Zwecke ist zu jedem Stichtag präsent. Wird durch die andauernde Niedrigzinsphase diese Diskussion nochmals an Schärfe gewinnen?

Dr. Schloemer: Natürlich rückt die Höhe des Zinssatzes in den Mittelpunkt der Betrachtung von Finanzvorständen, insbesondere, wenn die Sensitivitäten in Bezug auf die Höhe der Effekte auf das Eigenkapital bei niedrigeren Zinssätzen zunehmen. Wichtig bei einem „Wettbewerb“ um den niedrigsten Zins ist jedoch das inhaltliche Verständnis zur Zinssatzableitung – sonst können bei unterschiedlichem Vorgehen keine sachgerechten Vergleiche gezogen werden. Die grundsätzliche Konvention in Bezug auf die Ratingkategorie ist gesetzt und wird u.a. auch durch ESMA enforced. Aber selbst innerhalb des „Spielfeldes“ kann man zu anderen Ergebnissen kommen, die dann – wenn die Sensitivität gegeben ist – zu materiellen Unterschieden führen.

Eine Weiterentwicklung der Pensionsbilanzierung durch das IASB wird Zeit benötigen und nicht kurzfristig helfen – insbesondere wenn man die durchschnittliche Standardentwicklungszeit beim IASB berücksichtigt.

Ein Impuls dazu ist jedoch nicht nur durch die Zinsentwicklung gegeben, sondern auch durch die Dynamik im Pensionsplandesign, verbunden mit Fragen zu einer sachgerechten/-teren Abbildung.

Durch die vollständige Erfassung der Neubewertungseffekte auf die Pensionsverpflichtungen können sich immense Belastungen der EK-Relation von Unternehmen ergeben. Wie sollten betroffene Unternehmen Ihrer Meinung nach den Abschlussadressaten diese nicht-operativen Effekte, ggf. im Anhang, erklären?

Dr. Schloemer: Die Anhangangaben zu IAS 19 sind im Vergleich zu anderen Bilanzierungsstandards bereits sehr umfangreich. Ein Mehr an Information ist dazu m.E. nicht geboten. Für einen geübten Bilanzleser ist die lfd. Entwicklung auch keine Überraschung, da viele Anhangangaben u.a. zu Zinssensitivitäten nach IAS 19 vorgeschrieben sind. Allenfalls besteht die Kunst dann darin, diesen Effekt fokussiert zu kommunizieren, wenn davon auszugehen ist, dass die Information zu leicht zu überlesen ist. Insofern gehe ich nicht von kurzfristigen Überraschungen aus. Die Eigenkapitalerosion kann auch als das kleinere Übel angesehen werden. Nach HGB wird sich dieser Effekt – wenn auch zeitverzögert – im Ergebnis niederschlagen. Hier sehe ich für die Zukunft insofern Herausforderungen, als dass die Möglichkeit Dividenden auszuschütten dadurch zukünftig erheblich beeinträchtigt wird, wenn das Unternehmen diesen Effekt nicht durch die innerkonzernliche Dividendenpolitik kompensieren kann.

Unternehmen sollten ggf. überlegen, ob und wie sie Pensionsrisiken zukünftig angehen wollen. Es ist zu bedenken, ob (zukünftige) Pensionsversprechen evtl. flexibler gestaltet werden können. Risiken für das Unternehmen sind zu minimieren, aber auch hinreichend Chancen für die Mitarbeiter zu bieten.

IAS 19 fordert als Vergleichsmaßstab High Quality Corporate Bonds, gibt es diese in der Realität überhaupt noch?

Dr. Schloemer: Die Diskussion was „High Quality“ bedeutet wurde ja ausgiebig geführt – es ist eine Konvention. Wenn tatsächlich die Schlussfolgerung getroffen werden würde, dass es keine hinreichende Anzahl von High Quality Corporate Bonds mehr gibt, dann fürchte ich die Konsequenz. Government Bonds wären als Maßstab heranzuziehen – diese haben derzeit teilweise eine negative Verzinsung. Die Pensionsverpflichtungen würden in die Höhe getrieben. Dass es soweit kommt, sehe ich jedoch derzeit nicht. Der Markt ist hinreichend liquide.

 „Level Playing Field Pensionszins?“ Überspitzt gesagt: Bestimmt der Preis bzw. das Honorar die Höhe des Zinses?

Dr. Schloemer:  Das sehe ich ganz anders. Jedes Unternehmen ist frei, den Zinssatz selbst abzuleiten. Das sollte auch eine „Hoheitsaufgabe“ bzw. in der Governancefunktion des Unternehmens liegen. Ich würde mir ungern den Zins von einem Dritten „vorschreiben“ lassen. Wichtig ist jedoch eine Methode mit Konsistenz – sowohl inhaltlich als auch zeitlich.