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Von XBID bis Enera – die Entwicklungen am Strommarkt sind noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt

Der kurzfristige Strommarkt hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Um die Energiewende in Deutschland, aber auch Initiativen in Europa zu unterstützen, werden Produkte diversifiziert und Stromflüsse an den innereuropäischen Grenzen optimiert. Diese Maßnahmen gehen einher mit einem steigenden Anteil an automatisiertem Handel, was neue Anforderungen an die Handelssysteme stellt. Mit dem Start der ersten lokalen Flexibilitätsinitiative Enera im Februar 2019 hat sich der Strommarkt eine neue Dimension erschlossen: den Handel von Flexibilität, um Netzengpässe zu beheben bevor Sie überhaupt entstehen.

Die Energiewende und der damit höhere Anteil an erneuerbaren Energien im Strommix bedeutet vor Allem eines: Stromproduzenten, deren Produktion von Wind und Wetter abhängig sind, gewinnen rasant an Bedeutung. Diese Schwankungen in der Erzeugung lassen sich aber nur schwer prognostizieren. Der Strommarkt muss also Instrumente anbieten, die es den Akteuren ermöglichen, solche Schwankungen effizient auszugleichen.

Hier kommt der Intraday Markt ins Spiel. Dieser Markt erlaubt den kontinuierlichen Handel mit Strom bis 5 Minuten vor Lieferung. Sukzessive hat die EPEX SPOT diesen Markt ausgebaut, um ihn für Händler flexibler zu gestalten: durch impliziten, also automatisch optimalen grenzüberschreitenden Handel; durch verkürzte Zeiten zwischen Handelsende und Lieferung; und, insbesondere mit Hinblick auf die Energiewende, durch 30- und 15-Minuten Kontrakte. Diese sind ideal für den Handel mit den fluktuierenden Erneuerbaren. Darüber hinaus ermöglichen Intraday Auktionen – von einzelnen Viertelstunden oder auch Blöcken – Prognoseabweichungen zu korrigieren und somit Regelenergiekosten zu senken.

Grenzüberschreitender Handel ist einer der wesentlichen Schlüssel für erhöhte Flexibilität am Strommarkt – dieses Motto gilt schon seit langem für die Day-Ahead Märkte, die unter dem Schlagwort Marktkopplung bereits schrittweise in einen europäischen Binnenmarkt eingebettet wurden. Auch auf den Intraday Märkten der EPEX SPOT macht der Strom seit jeher nicht vor Landesgrenzen halt. Im Jahr 2017 wurden auf den sieben Intraday Märkten der Börse bereits 71 TWh Strom gehandelt, 20% davon grenzüberschreitend. Im Juni 2018 startete das europaweite Cross-Border Intraday Projekt XBID: über 20 Projektpartner haben so die Intraday Märkte von 14 europäischen Ländern gekoppelt.
 


Im Gegensatz zum Day-Handel, welcher durch eine tägliche Auktion abgewickelt wird, läuft der Intraday Handel kontinuierlich, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Dies stellt zusätzliche Anforderungen an die Systeme. Hinzu kommt, dass der Anteil an automatisiertem Handel, also Gebotseingabe durch Roboter und automatischer Software, steigt. Etwa die Hälfte der aufgegebenen Gebote auf den Märkten der EPEX SPOT erfolgt über solche automatisierten Roboter. Etwa ein Drittel der Handelsvolumen im kontinuierlichen Intraday Handel entfällt auf automatisierten Handel. Die EPEX SPOT reagiert darauf, in dem sie die Leistungsfähigkeit ihrer Handelssysteme weiterhin signifikant steigert. Die Anzahl der eingegebenen Gebote steigt pro Jahr um 150% – damit ist die Flexibilisierung der Märkte noch lange nicht am Ende angelangt.

Auch lokale Netzengpässe spielen eine immer größere Rolle. Mit dem steigenden Anteil an erneuerbaren Energien im Stromnetz wandelt sich die Struktur der Stromproduktion. Sie fluktuiert in Abhängigkeit von Wetterbedingungen, während die konventionellen Erzeuger parallel weiter Strom produzieren. Wenn so dann zu viel Strom ins Netz gelangt entstehen Netzengpässe. Um die Netzstabilität zu garantieren gibt es zwei Möglichkeiten: Das Stromnetz kann weiter ausgebaut werden, oder die erneuerbaren Erzeugung wird abgeregelt. Die Abregelung der erneuerbaren Erzeugung ist dabei eine kostengünstige Lösung. Auf Dauer soll sich der Anteil der Erneuerbaren jedoch erhöhen – das Problem also bleibt. Um erneuerbare Energien durchgehend nutzen zu können, müssen Erzeugung und Verbrauch zunehmend flexibilisiert und aufeinander abgestimmt werden.

Dieser Problematik hat sich die EPEX SPOT nun im Rahmen des Enera Projektes angenommen, um einen weiteren Lösungsansatz für Netzengpässe umzusetzen: lokale Flexibilitätsmärkte. Im Februar dieses Jahres wurde die erste börsenbasierte Flexibilitätsmarkt lanciert. Enera ist ein Marktplatz für den Handel von netzdienlicher Flexibilität, um eine Engpasssituation im Stromnetz zu vermeiden. Hier können Anbieter von Flexibilität kurzfristige Flexibilitätslieferungen mit Netzbetreibern abwickeln. Das Ganze passiert auf einer Börsenplattform, die von der EPEX SPOT entwickelt wurde. Damit bringt das Modell alle Vorteile des Börsenhandels mit sich: Angebot und Nachfrage werden anonym ermittelt und ein transparenter Marktpreis errechnet. So können Systemproblematiken wie Netzengpässe durch eine marktbasierte Lösung abgeschwächt oder sogar aufgehoben und erneuerbare Energien effizienter ins Netz integriert werden. Als Teil des SINTEG-Programms („Schaufenster Intelligente Energie“) des Bundeswirtschaftsministeriums ist Enera damit die erste Umsetzung eines lokalen Flexibilitätsmarktes.

Die Strommärkte haben noch viel Potential um die Herausforderungen der Energiewende anzupacken. Die Strombörse ist dabei ein zentraler Partner.

 

Dr. Sven DeglowDr. Wolfram Vogel
Europäische Strombörse EPEX SPOT