Stellungnahme zum Coronavirus

Wo steht die deutsche Lebensversicherung nach dem Start von Solvency II?

30.11.2016FinanceLebensversicherung, Solvency II, Versicherungsaufsicht

von Dr. Guido Bader

Es ist vollbracht. Am 1.1.2016 ist das neue europäische Aufsichtsregime für die Versicherungswirtschaft „Solvency II“ in Kraft getreten. Wer dabei mit einem Paukenschlag gerechnet hatte, wurde allerdings enttäuscht.


Zum einen konnten sich die Unternehmen in einer lange andauernden Vorbereitungsphase auf das neue Aufsichtsregime einstellen. Zum anderen greifen die umfangreichen Veröffentlichungspflichten noch nicht, so dass die ersten Ergebnisse großteils nicht bekannt sind. Zwar haben einzelne Unternehmen ihre Solvenzquoten schon veröffentlicht. Das Gros der deutschen Versicherer hält sich allerdings noch vornehm zurück. Und auch die Versicherungsaufsicht hat nur stark aggregierte Ergebnisse veröffentlicht. Einer der Gründe hierfür dürften die Lebensversicherer sein. Während Komposit- und Krankenversicherer mit komfortablen Solvenzquoten wuchern können, sieht die Lage in der Lebensversicherung bei weitem nicht so entspannt aus. Woran liegt es?

Niedrige Zinsen und Übergangsmaßnahmen

Das Mantra der Branche „Die EZB mit ihrer ultralockeren Geldpolitik ist schuld“ ist als Antwort sicherlich nicht falsch. Nur ist diese Geldpolitik letztlich auch nur ein Ausfluss der europäischen Schuldenpolitik der letzten Jahrzehnte in Verbindung mit der demographischen Entwicklung – insb. in den europäischen Kernländern. Ein Blick nach Japan hätte genügt, um Wachstums-, Inflations- und damit Zinsphantasien ad acta zu legen und in Produktentwicklung und Kapitalanlage frühzeitig auf einen drohenden Zinsverfall zu reagieren. Im Nachhinein darf die Heftigkeit des Zinsverfalls dann doch überraschen.

 


Zur Lösung der mit der Niedrigzinsphase vorwiegend für deutsche Lebensversicherer auftretenden Probleme hat die EU sog. Long-Term-Guarantee Maßnahmen eingeführt, wie die Volatiltätsanpassung und die Übergangsmaßnahme bei versicherungstechnischen Rückstellungen. Mit Hilfe der Übergangsmaßnahme können sich die Lebensversicherer innerhalb der nächsten sechzehn Jahre sukzessive auf die neuen Anforderungen ausrichten. Dies kann auch dazu genutzt werden, gerade in der Niedrigzinsphase, diversifiziert in Substanzwerte wie Aktien, Immobilien und Infrastruktur zu investieren. Hierdurch kann ein „Cash-Lock“ für bestehende Versicherungsverträge verhindert und diesen weiterhin die Chance zur Partizipation an steigenden Märkten eröffnet werden.

Komplexität und Volatilität

Ein echtes Manko von Solvency II ist allerdings die überbordende Komplexität des neuen Regelwerks. Alleine die Berechnung der Solvenzquote mithilfe der vermeintlich einfachen „Standardformel“ fußt auf einer Vielzahl von Annahmen, so dass den Unternehmen zahlreiche Ermessensspielräume zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse sind somit mitnichten vergleichbar. Hierbei wird es sicherlich in den nächsten Jahren zu einem Konvergenzprozess kommen – nicht zuletzt aufgrund der Prüfungspflicht der Solvabilitätsübersicht durch die Wirtschaftsprüfer.

Neu ist zudem die deutlich gestiegene Volatilität der Solvenzquoten. So ist aktuell auf Grund des deutlichen Zinsrückgangs seit Jahresbeginn (vgl. Grafik) ein signifikantes Einbrechen der Solvenzquoten zu beobachten – zuletzt nochmals beschleunigt durch das Brexit-Votum der Engländer. Viele Unternehmen versuchen sich gegen diese Volatilität abzusichern. Ein solches Hedging führt aber zu einer Übertragung von Risiken bzw. den Kosten der Absicherung auf die Versicherungsnehmer.

Zu weiterer Volatilität der Solvenzquoten führen Änderungen bei den Berechnungsmodellen. Darunter fallen Änderungen von Vorgaben durch die EU – man vergleiche die aktuell Diskussion um eine „technische Zinsgröße“, die Ultimate Forward Rate, und die 2018 anstehende Revision von Solvency II – ebenso wie branchenweite oder unternehmensindividuelle Modifikationen der Berechnungslogik. In Verbindung mit den Veröffentlichungspflichten wird dies nicht zu mehr Vertrauen in das neue Aufsichtsregime führen.

Ausblick

Bei aller berechtigter Kritik: An der Misere der deutschen Lebensversicherung ist Solvency II nicht schuld. Es macht lediglich die Probleme transparenter und beschleunigt den Transformationsprozess. Der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zu neuen Produkten mit reduzierten Garantien wird sich weiter beschleunigen. Auch stellen vermehrt Unternehmen ihr Lebensversicherungsgeschäft ein und forcieren damit den Konzentrationsprozess. Und dabei steht die Branche – genau wie Solvency II – erst noch am Anfang der Entwicklung.
 

Dr. Guido Bader

 

Dr. Guido Bader
Mitglied des Vorstandes
Stuttgarter Lebensversicherung a.G.
 

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Versicherung neu gedacht“, das Sie hier erhalten können: http://veranstaltungen.handelsblatt.com/journal