Aufbruchsstimmung bei Stadtwerken

von Ingela Marré

Der Transformationsprozess in der Energielandschaft ist im vollen Gange. Energiewende, neue rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen, Digitalisierung und Startups als Wettbewerber zwingen Energieversorger seit einigen Jahren zu Umdenken und Neuaufstellung am Markt. Nicht zuletzt die Entwicklungen rund um innogy zeigen: Kein Energieversorgungsunternehmen wird bleiben, wie es ist. Das eigene Geschäftsmodell muss auf den Prüfstand gestellt werden. Veränderung tut Not.

Besonders deutlich wurde dies bei der 22. Euroforum Jahrestagung Stadtwerke 2018. Rund 300 vorwiegend kommunale Unternehmensvertreter diskutierten an zwei Tagen, wie sich ihre Unternehmen in Zeiten rasanten Wandels positionieren und aufstellen müssen. Dabei wurde klar: Nicht nur die großen Stadtwerke, sondern auch die kleineren Versorger sehen die aktuellen Entwicklungen als Chance, schon jetzt den Grundstein für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens zu legen.
Rückendeckung bekommen die Stadtwerke bei ihrem Transformationsprozess durch die Politik. „Wir setzen auf Sie“, sagte Carsten Müller in seiner Keynote am Eröffnungstag der Stadtwerke Tagung. Als CDU-Politiker und Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie des deutschen Bundestags betonte er die Wichtigkeit der Stadtwerke als Akteure bei der Energiewende und der Digitalisierung.
Stadtwerke wird es auch in Zukunft geben, doch ihre Rolle bei der kommunalen Daseinsvorsorge muss neu definiert werden. Innovation, Disruption und Agilität sind Buzzwords, die inzwischen von allen Stadtwerken mit Leben gefüllt werden. Der Wille nach Veränderung ist dabei unerlässlich.

Videorückblick Stadtwerke 2018

Wie kann der Transformationsprozess ausgestaltet werden?

Die zahlreichen Bewerbungen zum Euroforum Stadtwerke-Award 2018 zum Thema „Transformation im Unternehmen“ verdeutlichen, dass bereits zahlreiche Veränderungsprozesse in Gang gesetzt wurden.
Besonders beeindruckend ist dabei der Weg der Technischen Werke Ludwigshafen, die hierfür mit dem ersten Platz ausgezeichnet wurden. Die Jury überzeugte vor allem die Ansätze für eine Innovationskultur wie der „Freischwimmer“, die konsequente Strategiearbeit, die Innovationskraft aus dem eigenen Unternehmen heraus sowie durch die Aufnahme von Impulsen von außen.
Dass Transformation mit einem internen Kulturwandel einhergehen muss, haben die Leipziger Stadtwerke als Zweitplatzierte eindrucksvoll aufgezeigt. Bei ihrem ganzheitlichen Ansatz „Strategie, Organisation und Kultur“ steht die Einbeziehung der Mitarbeiter an erster Stelle: Übertragung von Eigenverantwortung, neue Wege der Kommunikation und ein ausgeprägtes Talent-Management sind die richtigen Bausteine, um langfristigen Erfolg zu sichern.
Wer Innovationen erreichen will, darf sich keine Denkverbote geben. Think Tanks, Innovationslabore, Design Thinking-Ansätze und Train-the-Trainer-Formate helfen dabei, echte neue Ideen und Produkte entstehen zu lassen. So haben es die Würzburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft geschafft, Produkte zu entwickeln, die den künftigen digitalen Anforderungen der Kunden entsprechen. Das war der Jury der Stadtwerke-Award in Bronze wert.

Kooperationen als Weg zu künftigem Wachstum

Doch neben internen Transformationsprozessen ist ein Trend hin zu einem veränderten Marktauftritt zu beobachten. Die Vorteile, die kommunale Unternehmen bieten, wie beispielsweise Regionalität und Kundennähe, können künftig gemeinsam besser ausgespielt werden.
Strukturelle Veränderungen werden die Unternehmenslandschaft in Zukunft prägen. Über Kooperationen können Transformationsprozesse gemeinsam bewältigt, Synergien geschaffen und neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Entscheidend dabei sind Kooperationsfähigkeit und Innovationsmanagement. Auf die Größe des Unternehmens kommt es nicht an – wichtig sind die richtige Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen sowie die frühzeitige Entwicklung eines Kooperationskonzepts. Denn auch hier gilt: Augen auf bei der Partnerwahl.
Dass dieser Weg äußerst komplex ist, wurde während der Konferenz am Beispiel Regionetz deutlich. Gerade beim Thema Personal, Stellenbesetzung und -abbau sei äußerste Sensibilität gefragt, schilderte der Geschäftsführer Stefan Ohmen.
Die besondere Bedeutung engerer Zusammenarbeit brachte auch Johannes Kempmann, Geschäftsführer der Städtische Werke Magdeburg GmbH & Co. KG und Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. zum Ausdruck: „Wir müssen für Kooperationen offen sein.“ Fusionen am Markt schloss er ebenfalls nicht aus.

Digitalisierung als Daueraufgabe auf dem Weg zur Transformation

Wer über Transformation nachdenkt, kommt an Digitalisierung nicht vorbei. Seit Jahren diskutiert, stehen die Energieversorger noch am Anfang einer Entwicklung, die in ihren Ausmaßen heute noch keiner überschauen vermag.
Zum einen geht es um Prozesse, die optimiert und automatisiert werden müssen, um insbesondere Kosten zu reduzieren. Zum anderen geht es aber auch um die Implementierung einer ganzheitlichen Digitalisierungsstrategie – singuläre Digitalisierungsprozesse greifen hier zu kurz. Nach Ansicht von Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Wuppertaler Stadtwerke und Vize-Präsident des VKU, erweitern Stadtwerke im digitalen Zeitalter ihre Marktrolle. Dies kann nur gelingen, wenn eine technologiegestützte Haltung vorgelebt, agile Strukturen implementiert und Digitalisierung als Daueraufgabe verstanden wird.
Neue Kundenlösungen sind offenbar nur ein Teilaspekt – ist Disruption das eigentliche Ziel? Dass ein radikales Umdenken nötig ist, um bei den aktuellen Entwicklungen mitzuhalten, zeigt ein Blick in andere Branchen wie die Printmedien. Was ist Disruption überhaupt? Muss das Stadtwerk bereit sein, sich selbst zu zerstören? Wie gelingt es, auch irrationale Entscheidungen zu treffen? „Man muss sich vom Silo-Denken der Branche befreien“, lautete die Antwort von Christoph Keese, Geschäftsführer des zum Axel Springer gehörenden Beratungsunternehmens „hy“.

Ganz praktisch – wie Digitalisierung bei Stadtwerken heute schon funktioniert

Wenn das Thema Digitalisierung diskutiert wird, beschleicht einen häufig der Eindruck, dass in der Theorie viel möglich ist – doch wo liegt der praktische Ansatz und der tatsächliche Nutzen? Verkommt Digitalisierung zu einer leeren Worthülse und wird zu einer Spielwiese von Startups?
Nein! Hier beindrucken verschiedene Projekte von und für Stadtwerke, die bereits heute Digitalisierung für ihre Zwecke einsetzen: Sei es beim Ausbau eines Glasfasernetzes als Basis für flächendeckende Digitalisierung, der Nutzung von Sensorik bei der intelligenten Straßenbeleuchtung, dem Einsatz von Algo-Tradern, der Entwicklung smarter Produkte auf Basis von Smart Metern oder dem Einsatz von Blockchain. Diese Projekte zeigen, dass es schon heute wirtschaftliche Business Cases gibt, die als Blaupause für weitere digitale Ansätze dienen können und die Innovationskraft der kommunalen Unternehmen unter Beweis stellen.

Die Kundenschnittstelle digital besetzen

Bei der Diskussion rund um Transformation, Changemanagement und Digitalisierung darf einer nicht auf der Strecke bleiben: der Kunde! Einigkeit besteht in allen Branchen, dass die Schnittstelle zum Kunden künftig digital besetzt werden muss.
Gerade Stadtwerke verfügen über einen ausgezeichneten Zugang zum Kunden. Die Nähe zum Kunden und der Faktor Regionalität sind zwei Größen, die kommunale Versorger für sich nutzen müssen. Wie das gelingen kann, zeigen Beispiele aus Kassel und Trier:
Die Schärfung des eigenen Markenauftritts trägt dazu bei, das eigene Selbstverständnis zu konkretisieren. Wofür steht das Stadtwerk? Die Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH haben sich kritisch mit dieser Frage auseinandergesetzt und sich den Faktor Emotionalität auf die Fahne geschrieben. „Herzen kaufen – und nicht (nur) Köpfe“, beschrieb Dr. Michael Maxelon den eingeschlagenen Weg.
Regional und digital lautet der Ansatz in Trier. Hier werden Strom und Gas zu regional und regenerativ erzeugten Commodities. Der Zugang zum Kunden gelingt insbesondere über „äppes“, die eigene Stadtwerke-App, die regionale Informationen liefert und so die Region zusammenhält. Verschiedene Infrastrukturen sollen miteinander so vernetzt werden, dass sie dem Kunden einen echten Mehrwert bieten.
Welche Rolle Kundendaten spielen, brachte bei der Konferenz Andrea Arnold, Geschäftsführerin der A/V/E GmbH auf den Punkt: Guter Kundenservice ist der Schlüssel zum Erfolg, und die vorliegenden Daten tragen entscheidend dazu bei, dem Kunden das richtige Einkaufserlebnis zu verschaffen. Es gilt also, die verfügbaren Kundendaten auch tatsächlich zu nutzen.

Die Rolle der Stadtwerke bei der Sektorenkopplung

Ein weitreichender Aspekt der aktuellen Entwicklungen ist die Sektorenkopplung, die die Energiewirtschaft aktiv gestalten muss.
Mögen die Rahmenbedingungen für die Wärmewende zwar noch nicht final ausgestaltet sein, so sind sich alle Marktakteure einig: Die Wärmewende entscheidet über das tatsächliche Gelingen der Energiewende. Stadtwerke sind jetzt gefordert, neue Wärmekonzepte zu entwickeln. Welche Rolle (Erd-)Gas einnehmen wird, bleibt abzuwarten.
Bei der Kopplung mit dem Verkehrssektor liegt die Elektromobilität hoch im Kurs. Durch moderne Fahrzeuge wird Strom plötzlich wieder „sexy“ und Geschäftsmodelle rund um das E-Auto lukrativ(er). Dass das Fahrzeug auch als Speicher dienen und zu Netzentlastung beitragen kann, mag auch von der Bereitschaft des Fahrzeugeigentümers abhängen – hier sollten Anreize geschaffen werden, die sich bislang regulatorisch nicht abbilden lassen. Der Aufbau von Ladeinfrastrukturen und die Schaffung entsprechender Plattformen sind Handlungsfelder, die Stadtwerke insbesondere zusammen mit Startups besetzen können.

Fazit:

Energieversorgungsunternehmen durchleben im Zuge der Digitalisierung eine Phase voll großer Veränderungen, bahnbrechender Innovationen und neuer Chancen, die es ermöglichen, den Kunden auf einer neuen Ebene zu erreichen und dabei wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben.
Die Bereitschaft den Transformationsprozess im Unternehmen anzustoßen und so den externen Veränderungen Rechnung zu tragen, gehört zu den Hausaufgaben aller Stadtwerke. Klar ist aber auch, dass viele EVU noch ganz am Anfang der Reise stehen. Hier sehen alle Branchenvertreter ganz klar die Politik in der Pflicht, einen rechtlichen Rahmen für die notwendigen Veränderungen zu schaffen.