Die Blockchain revolutioniert die Energiewirtschaft Strombestellung à la Biokiste

von Andreas Feicht

Fast niedlich wirkt es, das vom Fuß bis zur Blattspitze 80 Meter hohe Bürgerwindrad im Wuppertaler Stadtteil Cronenberg mit seinen 600 Kilowatt Leistung.

Gegenüber den 220 Meter hohen Giganten heutiger Bauart ist das um die  Jahrtausendwende gebaute Enercon E-40 Windrad ein Zwerg.  Ein Zwerg, dessen Gattung vom Aussterben bedroht ist.

Am 31.12.2020 schlägt um Mitternacht für mehr als 4.000 Windkraftwerke in Deutschland die Stunde der Wahrheit. Dann endet für die Windmühlen und ihre Betreiber 20 Jahre nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Ära der gesicherten Einspeisevergütung. Sie müssen sich fortan der rauen Realität des Strommarktes stellen. Und dort drohen die Windkraftanlagen Opfer der Energiewende zu werden. Die alten, oft leistungsschwachen Windmühlen produzieren immer nur dann Strom, wenn die inzwischen auf über 50.000 Megawatt angewachsene deutsche Windflotte ohnehin am Netz ist. Zu diesen Zeiten aber tendiert der Strompreis gegen Null oder ist sogar negativ.

Und die Produktionskosten liegen nach Angaben ihrer Betreiber deutlich über den Kosten von abgeschriebenen fossilen oder nuklearen Kraftwerken. Welche Überlebenschance haben die Altanlagen vor diesem Hintergrund im Markt? Volkswirtschaftlich wäre es unsinnig, funktionstüchtige und umweltfreundliche Produktionsanlagen außer Betrieb zu nehmen. Da die Anlagen seit 20 Jahren stehen, sind sie zudem gesellschaftspolitisch vor Ort kaum umstritten, sie gehören zur Nachbarschaft. Die Windmüller fordern vielfach eine Verlängerung der Förderung. Dies wird jedoch kaum mit dem EU-Recht harmonisierbar sein.

Die Wuppertaler Stadtwerke WSW schlagen einen anderen Weg ein. Seit Januar 2018 läuft ihre Blockchain-Plattform WSW Tal.Mark: ein Marktplatz, auf dem sich Anlagenbetreiber und Endkunden treffen. Das Modell schlägt drei Fliegen mit einer Klappe. Den Betreibern von Windrädern, aber auch Solaranlagen oder Wasserkraftwerken eröffnet sich der Privatkundenmarkt, für die meisten bisher ein Buch mit sieben Siegeln. Der Privatkunde wiederum kann erstmals in Deutschland seinen Strom kilowattstundenscharf direkt beim Produzenten einkaufen. Und die Stadtwerke als Betreiber der Plattform garantieren die ordnungsgemäße Abwicklung der Transaktion und die Abführung von Abgaben, Umlagen und Steuern. Dafür kassieren sie eine kleine Gebühr, eine Service-Fee.

In seiner technologischen Ausprägung ist der Tal.Markt als digitale Stromvertriebsplattform einmalig in Europa. Von der ersten Ideenskizze bis zur Umsetzung vergingen nur neun Monate. Der Tal. Markt ist eine Antwort auf die Frage, wie zum einen das Anlagensterben der alten Windräder zu vermeiden ist und zugleich Kundenbedürfnisse zu erfüllen sind.

Denn diese verändern sich – die Marktforschung identifiziert im Bereich der nicht primär preissensitiven Kunden drei Trends. Die Kunden werden individueller, gleichzeitig erlebt die Öko-Bewegung ein Revival im Trend der Neo-Ökologie – eine grüne Grundeinstellung in Verbindung mit dem Bedürfnis nach Regionalität. Drittens beeinfl usst die Digitalisierung die Kundenansprüche in nie gekannter Weise. Dienstleistungen per Knopfdruck oder Sprachbefehl sind zunehmend State of the Art.

Diese Trends führen im Zusammenspiel mit der Energiewende im Ergebnis dazu, dass der Wettbewerb neu gemischt wird. Altvordere und neue Energieanbieter konkurrieren. Disruptoren, die sich neuer Technologien bedienen können oder wollen, entwickeln völlig neue Geschäftsmodelle.

Customer Journey und User Experience – Reisen bildet

Das grundsätzliche Problem des Produktes Strom für den Verkäufer ist seine scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit, seine normierte Gleichförmigkeit, kurz – seine Beliebigkeit. Daher ist ein Ziel aller Marketingaktivitäten der Energieversorger die emotionale Aufl adung der eigenen Strommarke. Diese kann gelb sein, ein Lichtblick, oder auch vom grünen Riesen begleitet werden. Dennoch kommt für die weitaus meisten Kunden der Strom weiterhin nur aus der Steckdose.

Die nächste Herausforderung ist es, dass für die Mehrzahl der Deutschen das Internet als Einkaufskanal, Straßenkarte oder Bewertungsportal kein Neuland mehr ist, sondern gelebter Alltag. Der digitalaffine Kunde und das ist inzwischen der weit überwiegende Teil der geschäftsfähigen Bevölkerung, nutzt Google, Amazon oder Facebook. Angebote im Netz, die das Niveau der digitalen Branchenführer nicht erreichen, werden vom Kunden gnadenlos aussortiert. Die sogenannte Customer Journey (CJ) und die User Experience (UX), die digital gesteuerte Reise des Kunden zum Produkt und seine Nutzererfahrung stehen im Fokus digitalen Vertriebs.

Hier setzt der Tal.Markt an. Die Plattform bedient in ihrer ersten Ausprägung ausschließlich den Heimatmarkt, die 360.000 Einwohner-Stadt Wuppertal. Sie richtet sich an Privat- und Gewerbekunden, die bewusst nachhaltig wirtschaften möchten, aber ebenso an die sogenannten First Mover und Early Adopter neuer Technologien.

Die Kilowattstunde wird für den Kunden fassbar

Die Idee des Tal.Markts ist so einfach wie naheliegend. Er verbindet Bedürfnisse von Energieproduzenten und Kunden in einem Produkt. Ihre Glaubwürdigkeit bezieht die Plattform aus ihrer durch die Blockchain generierten, aber auch am Bildschirm des Kunden erlebbaren Transparenz.

Die Kilowattstunde wird für den Verbraucher fass- und erlebbar: der Energiekonsum wird unmittelbar verknüpft mit der Drehung des Bürgerwindrades, der Sonnenausbeute der PV-Anlage, oder auch dem Starkregen, der das Laufwasserkraftwerk zur Höchstleistung bringt. Ein Nebeneff ekt: Für den Endkunden, ob privat oder gewerblich, bekommen Smart Meter damit einen echten Mehrwert.

Technisch wird nach Einbau eines Smart Meters der Lastgang des Kunden jede Viertelstunde gemessen und auf die Plattform übertragen. Der Kunde kann seinen individuellen Strommix aus einer Auswahl verschiedener regionaler Grünstromangebote wie Wind und Sonne, aber auch Biogas, Laufwasser oder Strom aus biogenen Abfallstoff en alle 15 Minuten selbst wählen, also theoretisch 35.040- mal im Jahr. Diese Auswahl gilt dann unmittelbar ab der nächsten Viertelstunde bis zur Bestelländerung – ein System, dass viele Kunden von der Bio-Kiste kennen.

Der Verbrauch wird täglich im Kundencockpit kWh-scharf je Erzeugungstechnologie dargestellt und monatlich exakt abgerechnet. Die Wuppertaler Stadtwerke garantieren die Reststrombelieferung und sichern den Kunden gegenüber einen witterungsbedingten oder technischen Ausfall der Erzeugungsanlagen ab. Dabei kann der Strom, der nicht aus Wind und Sonne kommt, aus lokaler Wasserkraft, Biogasanlagen oder aus der Verstromung biogener Reststoffe im Müllheizkraftwerk kommen, ganz nach Kundenwunsch.

Für Anbieter erneuerbarer Energien ist der Tal. Markt die deutschlandweit erste technologieübergreifende Plattform-Lösung, die den EE-Erzeugern ein Portal zum Endkunden anbietet und die Möglichkeit eröffnet, ihre Anlagen auch in der Post-EEGZeit wirtschaftlich zu vermarkten.

(Preis-)bewusste Kunden bevorzugen Wind und Wasser

Rund neun Monate nach Markteinführung ist der Tal.Markt im eingeschwungenen Betrieb. Klar erkennbar ist, dass bei den Kunden der Preis die vermeintlich beliebtere Technologie schlägt. Die günstigste Technologie neben dem Grünstrom aus dem Wuppertaler Müllheizkraftwerk ist die Wasserkraft, gewonnen in einer Laufwasserturbine im Ablass der örtlichen Talsperre. Das Ergebnis: Es gab einen Run auf die Anlage. Als die Wasserkraft zwischenzeitlich aufgrund einer Turbinenrevision ausfi el, wechselten die Kunden zum Müllheizkraftwerk beziehungsweise zum nächstgünstigeren Produkt, dem Bürgerwindrad Korzert. Das hat mit dem Tal.Markt eine Zukunft – auch lange über den 31.12.2020 hinaus.

Andreas FeichtAndreas Feicht,
WSW Wuppertaler Stadtwerke GmbH