Euroforum Jahrestagung

Chemie- und Industrieparks

EUROFORUM JahrestagungDiese Veranstaltung hat bereits am 26. und 27. November 2019 in Frankfurt stattgefunden!

Interview: Gesunde Führung im digitalen Zeitalter von Dr. Manuela Jacob-Niedballa, Arbeitsmedizinerin, Expertin für „gesunde Führung“ und „digitale Arbeitswelt der Zukunft“

Zu den wichtigsten Tools guter Führung im digitalen Zeitalter zählen klare Vorgaben für optimierten Umgang mit Informationen sowie gehirngerechtes Arbeiten.

Welchen Einfluss hat das digitale Zeitalter auf Führungsmodelle?

In Zeiten der Digitalisierung und der Informationsflut ist es essenziell, als Führungskraft über gesundes Stressmanagement und gehirngerechtes Arbeiten informiert zu sein. Digitalisierung überfordert häufig unser Gehirn aus der Steinzeit. Zu den wichtigsten Tools guter Führung im digitalen Zeitalter zählen klare Vorgaben für optimierten Umgang mit Informationen sowie gehirngerechtes Arbeiten.

Wir alle sind einem permanenten Informationsfluss ausgesetzt. Durch diesen Informations-Overload werden nachweislich schlechtere Arbeitsergebnisse erzielt. Die Fehlerhäufigkeit steigt und die Kreativität nimmt deutlich ab. Hier punkten Führungskräfte, die probate Lösungen zu einem optimierten Umgang mit der Informationsflut bieten.
Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen die telefonische Erreichbarkeit geregelt? Ist in Ihrem Betrieb definiert, dass nur die Mitarbeiter die Informationen bekommen, die sie auch wirklich benötigen? Oder umfasst Ihr E-Mail Verteiler 350 Empfänger und Sie bekommen dieselbe Mail bereits zum vierten Mal?

Gehirngerechtes Arbeiten bedeutet, die geistigen Kapazitäten optimal zu nutzen. Wenn Sie morgens als Erstes Ihren PC hochfahren und nonstop Mails checken, haben Sie meist bereits nach einer Stunde das Gefühl, nicht mehr konstruktiv entscheiden zu können. Das liegt daran, dass der für die Priorisierung verantwortliche Gehirnbereich anfängt, erschöpft zu sein. Wechseln Sie zwischen Tätigkeiten mit hohem Konzentrationspotenzial und Routine-Tätigkeiten wie Ablegen, Sortieren etc. Diese Routinearbeiten verbrauchen nicht so viel Energie, da sie über ältere Bereiche unseres Gehirns, die Basalganglien, geregelt werden. Außerdem entlastet es das Gehirn, wenn Sie Tätigkeiten blockweise bearbeiten. Legen Sie am Morgen fest, wann Sie welche Arbeit wo und in welchem Zeitrahmen durchführen.

Stellen Sie Ihr Smartphone für 30 Minuten pro Tag auf Flugmodus und sorgen Sie dafür, dass auch von außen weder Telefonate noch E-Mails oder Besucher stören. Bei Einzelbüros helfen Absprachen zur telefonischen Vertretung, Tür zu und ggf. ein Schild „Bitte nicht stören“. Falls Sie im Großraumbüro arbeiten, buchen Sie 30 Minuten ein Konferenzzimmer für sich und Ihre Aufgabe. Ich kenne Firmen und sogar Schulen, die Kopfhörer verteilen für ungeteilte Konzentration.

Wie beeinflusst Führung ein gesundes Stressmanagement?

Aktuelle Studien zeigen einen signifikanten Einfluss des Führungsstils auf das Stressempfinden und die Gesundheit der Mitarbeiter. Für dauerhafte Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Mitarbeiter und der Führungskräfte selbst ist ein optimiertes Stressmanagement unabdingbar.

Viel Arbeit bedeutet nicht automatisch viel Stress und wenig Arbeit verursacht nicht notwendigerweise weniger Stress. Es ist individuell sehr unterschiedlich, ab wann der positive Stress in negativen Stress umschlägt und zur Überbelastung wird. Unser persönliches Stressempfinden hängt von acht Faktoren ab: neben Individuum und Situation auch Arbeitsaufgabe, Arbeitsorganisation, Arbeitsumgebung, soziale Beziehungen, Führungsverhalten und Gratifikation. Führungskräfte haben besonders im digitalen Zeitalter multiple Gestaltungsmöglichkeiten, die acht Faktoren des Stresserlebens positiv zu beeinflussen.
Die zentrale Botschaft lautet: Gesunder Umgang mit Stress ist erlernbar.

Welche Ansprüche haben Mitarbeiter im digitalen Zeitalter an Führungskräfte?

So paradox es klingen mag: nie war der Mensch wichtiger als im Zeitalter der Digitalisierung. Durch die Globalisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung sind viele Menschen überfordert, es entsteht Unsicherheit und Stress. Der Wunsch nach Individualisierung und persönlicher Wertschätzung ist elementar für die Leistungsfähigkeit und Motivation.

Mitarbeiter setzen heute voraus, dass die Führungskraft im Rahmen der Gratifikation/ Wertschätzung erkennt, wann der Mitarbeiter welche Anreize braucht und möchte. Hierarchische Vorgaben nach dem Motto: „Das machen wir immer so“ funktionieren nicht mehr. Den Millennials ist es besonders wichtig, Freude und Sinn in ihrem Job zu finden. Bekommen sie Anweisungen, fragen sie zuerst einmal: Warum? Sie wünschen sich auch eher mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Geld und Karriere. Immer mehr junge Arbeitnehmer wollen z. B. ein Sabbatical einlegen, Zeit zur persönlichen Entfaltung haben. Flexible Arbeitszeitmodelle sind ihnen ebenso wichtig wie New Work, Homeoffice und Telearbeit. Die Möglichkeit, neue und alternative Arbeitsformen zu nutzen wird zunehmend darüber bestimmen, ob Arbeitgeber dauerhaft Mitarbeiter finden und halten können.