INNOVATIONSTAG

Digitale Transformation - Strategien für Stadtwerke

CHEFSACHE DIGITALISIERUNG – jetzt umsetzen! EUROFORUM KonferenzDiese Veranstaltung hat bereits am 3. November 2015 in Düsseldorf stattgefunden!

Interview mit


Bernhard Fenn
HEAG Südhessische Energie AG (HSE)

 

Bernhard Fenn ist seit 2007 Prokurist der HSE AG. Er ist in verschiedenen europäischen und deutschen Forschungsprojekten für die Energieversorgung der Zukunft als Projektleiter und Konsortialführer tätig. Seit 2009 ist Herr Fenn außerdem auch technischer Geschäftsführer des gemeinnützigen NATURpur Institutes für Klima- und Umweltschutz gGmbH. Neben seiner Tätigkeit als Referent und Fachdozent an verschiedenen Lehreinrichtungen hat Herr Fenn auch zahlreiche Fachpublikationen für unterschiedliche Bereiche der Energieversorgung verfasst.

1. Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihr Unternehmen aus?
Die Digitalisierung hat deutliche Auswirkungen auf unser Unternehmen. Wir werden hierdurch noch mehr zur Datendrehscheibe.

2. Wo stehen Sie heute?
Wir stehen noch am Anfang und verwalten derzeit "nur" die regulierten Daten in einer eigenen Tochter.

3. Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Wir möchten zusätzlich die vertrieblichen Daten für alle Vertriebe und Kunden zur Verfügung stellen.

4. Wie beurteilen Sie Kooperationen und Partnerschaften?
Kooperationen und Partnerschaften erachten wir als ganz wichtig! Die Aufbereitung und Verteilung von Daten ist nur bedingt unser Geschäft – hier sind wir auf Partner angewiesen.

5. Welche Eigenschaften müssen Partner mitbringen?
Bei der Partnerwahl stehen Erfahrungen auf dem Gebiet der Digitalisierung an erster Stelle. Wir arbeiten heute schon mit Partnern in diesem Bereich zusammen.

6. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Ihren Vertrieb?
Unser Vertrieb muss sich durch die Digitalisierung noch mehr auf die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen fokussieren. Dies geschieht häufig zusammen mit Partnern.

7. Wie gehen Sie mit den Anforderungen des "digitalen Kunden" um?
Um die neuen Anforderungen der Kunden besser kennenzulernen, binden wir diese in Pilotprojekten ein.

Interview mit

Heike Heim
Energieversorgung Offenbach AG

 

 

Frau Heim ist Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Offenbach (im GJ 2013/14 Umsatz: 410 Mio. €; Mitarbeiter: ca. 710) und tätig in den Bereichen konventionelle und erneuerbare Erzeugung (Wind Onshore, Solar, Biomasse), Entsorgung/ Müllverbrennung sowie mobile Wärme/Kälte und in den Sparten Strom, Gase, Fern-/Nahwärme, Wasser. Als CEO verantwortet Frau Heim neben den kaufmännischen Bereichen, Personal & Compliance, Strategie, Vertrieb und Handel. Erste Praxiserfahrungen im Bereich Energietechnik Anlagenbau und der IT-Branche folgte eine knappe Dekade in der internationalen Beratungsbranche mit Rückkehr in die Energiewirtschaft zur MVV als Bereichsleiterin Controlling und Risikomanagement in 2011. Seit Januar 2013 ist Frau Heim Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Offenbach.

1. Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihr Unternehmen aus?
Die Digitalisierung wird sich auf alle Wertschöpfungsstufen unseres Unternehmens auswirken und erhöht den Veränderungsdruck. Die IT ist in dieser Rolle nicht mehr einzig Umsetzungshilfe für fachspezifische Anforderungen, sondern Gestalter für Systeme und Prozesse. Für uns als EVU wird das veränderte Kundenverhalten im Zusammenspiel mit neuen Technologien zu einem wichtigen Transformationstreiber. Mit der Digitalisierung verbunden sind zudem die Entwicklung und der Einsatz sogenannter disruptiver Technologien; Innovationen also, die bestehende Technologien, Produkte oder Dienstleistungen möglicherweise vollständig verdrängen können.

2. Wo stehen Sie heute?
Die Energiebranche beansprucht sicherlich keine Vorreiterrolle beim Themenfeld der Digitalisierung; als "digitale Anfänger" verstehen wir uns bei der EVO jedoch nicht.

Mit einer IT-/Digitalstrategie wollen wir bei der EVO bestimmen, welche Elemente der derzeitigen Geschäftsfeldstrategien auf welche Art und in welchem Maß digital ausgeprägt werden können und sollen. Ein Schwerpunkt unserer strategischen Überlegungen zielt auf den kontinuierlichen Ausbau von wettbewerbskritischen IT-Skills dezentral in operativen Funktionen. Für die konkrete Umsetzung unserer Digitalisierungsstrategie entwickeln wir Fallbeispiele und verbinden diese sukzessive zu einem gesamthaften Digitalisierungszielbild. Das EVO-weite Kundenkontaktmanagement möchte ich hierbei als jüngstes Beispiel anführen. Es ermöglicht uns künftig eine unternehmensweite Sicht auf Kunden und Ansprechpartner. Damit erlangen wir eine Verbesserung der Kundentransparenz und Auskunftsfähigkeit im Kundenkontakt und entwickeln eine kundenwertorientierte Betreuungsstrategie entlang des Produktlebenszyklus. Gleichzeitig erreichen wir eine Standardisierung und Automatisierung von internen, vertrieblichen Arbeitsschritten und Prozessabläufen durch die Workflow- und Systemintegration.

Grundsätzlich gilt: der fortschreitenden Digitalisierung kann man sich nicht entziehen, man sollte diesen Megatrend umarmen, seine Risiken kennen und von seinen Chancen profitieren. Genau an diesem Punkt befinden wir uns gerade.

3. Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Wir betrachten die Digitalisierung nicht als Hype, sondern als einen tiefgreifenden und strukturellen Wandel innerhalb unserer Branche. Sie ist die Chance, den Markt zu revolutionieren. Leider können sich die meisten von uns erst einen Wandel vorstellen, wenn er bereits eingetreten ist. Digitalisierung fordert von uns ab sofort antizipative Analysefähigkeiten – Big Data wird uns dabei unterstützen. Wir als EVU werden die steigenden Kundenanforderungen durch innovative Kombinationen von Produkten und Services aufgreifen. Die Sicherung unser Kundenbasis sowie die Erschließung neuer digitaler Kundengruppen wird dabei nur durch verbesserte Customer Experience, einem kontinuierlichen Ausbau von kritischem Know-how und der Verknüpfung von interner und externer IT möglich sein.

4. Wie beurteilen Sie Kooperationen und Partnerschaften?
Neue Technologien führen zu einer digitalen Revolution und Veränderungen erfolgen in immer kürzeren Zeitintervallen. Kooperationen und Partnerschaften helfen uns in diesem Wandel erfolgreich zu bestehen – wir sind auf Partner regelrecht angewiesen, um Flexibilität und die notwendige Umsetzungsgeschwindigkeit zu erreichen. Partnerschaften auf Augenhöhe und branchenübergreifendes Know-how-Sharing mit dem Ziel der Nutzung komplementärer Eigenschaften stehen dabei für uns im Fokus. Wir prüfen bspw. Partnerschaften beim Ausbau der Smart-Produktpalette, beim virtuellen Kraftwerk, der Ausweitung des Produktportfolios im Effizienzmanagement oder bei der besseren Nutzung von Sensordaten zur Erhöhung der Verlässlichkeit der Netze. Dabei sehen wir auch Hochschulkooperationen als eine Möglichkeit Ideen schnell zu erkennen und zu fördern.

5. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Ihren Vertrieb?
Wir erleben gerade eine umfassende Wandlung des Marktes. Strom ist kein exklusives Gut mehr, sondern eine frei verfügbare Selbstverständlichkeit. In Zukunft kommt es damit überwiegend darauf an, den Prosumenten das richtige Angebot zu machen und ihren Lebensstil entsprechende Dienstleitungsbündel anzubieten. Dabei erwartet der Kunde eine digitale Betreuung in seinem Entscheidungs- und Kaufprozess – holitisch entlang seiner Customer Journey. Potentielle und zukünftige Kunden sind dabei in der digitalen Welt überall zu finden – die Ansprache ist wichtig. Noch zu häufig ziehen die Energieversorger die "digitalen" Kunden zurück in die analoge Welt.

Der künftige Energievertrieb unterscheidet sich in seiner Struktur und seinen Angeboten für Kunden wesentlich vom heute noch vorherrschenden klassischen Commodity-Energievertrieb. Neben den Comodity-Produkten wie Wärme, Strom und Gas wird der Verkauf von Dienstleistungen zum Energiemanagement (u.a. Flexibilitäten) und dezentralen Kundenlösungen einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung ausmachen. Flexibilitätsanforderer (Netz, ÜNB, EE-Produzent etc.) kaufen vom Vertrieb oder Aggregator Flexibilität ein, die sie für die Stabilisierung des Systems benötigt. Damit werden sie quasi zu einer weiteren Kundengruppe des Vertriebes. Basis dieser Wertschöpfungen ist ein intelligentes und automatisiertes Datenmanagement und die dazugehörige Datenanalyse. Big Data-Analysen können echtzeitgesteuerte, kunden-(gruppen)spezifische Daten bereitstellen und prognostizieren. Ausgehend von der Datenerfasssung beim Kunden oder über Referenzanlagen, über die Auswertung und Prognose im Vertrieb bis zur Beschaffung, kann die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert werden. Das für die Abwicklung erforderliche Datenvolumen liegt damit deutlich über dem, was bislang in der Energiebranche üblich war.

Interview mit


Andrea Vogt
Stadtwerke Troisdorf GmbH

 

Nach ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre in Bonn war Andrea Vogt zunächst ab 1990 bei der Ernst & Young Wirtschafts- und Steuerberatungsgesellschaft mbH als Prüfungsleiterin tätig. 1994, nach bestandenem Steuerberaterexamen, wechselte sie als kaufmännische Abteilungsleiterin zu den Stadtwerken Troisdorf.

Seither ist sie in verschiedenen Führungspositionen bei der städtischen TroiKomm GmbH und ihren Beteiligungen tätig.

Zeitgleich mit ihrer Ernennung zur Geschäftsführerin der Stadtwerke Troisdorf GmbH wechselt sie zum 1. April 2013 auch in die Geschäftsführung der TroiKomm GmbH. Dort trägt also ebenfalls das Führungsduo Peter Blatzheim und Andrea Vogt die Verantwortung.

1. Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihr Unternehmen aus?
Die Digitalisierung wirkt sich grundsätzlich auf alle Wertschöpfungsstufen eines Unternehmens aus.
Im Bereich der Stromverteilung ist die Nutzung der Daten auf der Basis digitalisierter Infrastrukturen die Grundlage für "smarte Netze". Im Hinblick auf die zunehmende Anzahl dezentraler Erzeugungsanlagen auf der Verteilnetzebene ist zur Sicherstellung der Netzstabilität sowie zur Netzsteuerung eine zeitnahe Bereitstellung und Verarbeitung der entsprechenden Daten notwendig.
Gleichzeitig wird auf der Nachfrageseite eine stärkere Kundensegmentierung erfolgen. Die Analyse und Auswertung der Kundendaten wird an Bedeutung zunehmen, um spezifisch für Kundengruppen neue Produkte anbieten zu können. Die Kunden erwarten individualisierte Angebote, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse. Durch neue mobile Endgeräte werden zunehmend auch Dienstleistungen in Form von Apps und Services angeboten.

Für Gewerbe- und Industriekunden dient die automatische Energiedatenerfassung als Grundlage für Einführung von Energiedatenmanagement-Systemen zur Realisierung von Einsparmaßnahmen und zur effizienteren Gestaltung von Produktionsprozessen. Dies ist die Grundlage für weitergehende Dienstleistungsangebote.

Auch der Kontakt zum Kunden verändert sich. Das www als zentrales Schaufenster zur Kundenkommunikation sowie die Nutzung von Social Media als Informationskanal werden zunehmend wichtiger.

Mit zunehmender Digitalisierung gewinnen die IT sowie die IT-Sicherheit an Bedeutung. Dies führt zu steigenden Kosten in diesem Bereich.

2. Wo stehen Sie heute?
Bereits jetzt erfolgen viele Prozesse (z.B. Lieferantenwechsel) Richtung Marktpartner standardisiert über Marktkommunikation in einheitlichen Formaten.

Allerdings ist eine hohe Datenqualität Voraussetzung für eine Verarbeitung und Auswertung der Daten. Hierzu ist in vielen Fällen eine Bereinigung der vorhandenen Daten sowie eine stärkere Verknüpfung der Datenbanksysteme notwendig.

Die Stadtwerke haben hierzu ein Projekt aufgelegt, um die vorhandenen Daten zu bereinigen und eindeutige Informationen aus einem einheitlichen System zu erhalten. Vor dem Hintergrund erheblich steigender Datenmengen in der Zukunft ist dieses Projekt notwendig, um ausgehend von dieser Datenbasis die Daten strukturiert weiterverarbeiten zu können.

Um den Kunden individuelle Angebote unterbreiten zu können, fehlen uns zurzeit in vielen Fällen noch Informationen über das individuelle Verbrauchsverhalten.

Darüber hinaus sind viele Informationen im Hinblick auf zukünftige Kommunikationskanäle zum Kunden, z.B. e-mail-Adresse oder Mobilfunknummer, noch unbekannt.

3. Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Die Bedeutung der digitalen Kundenschnittstelle wird zunehmen, und es wird für jeden Kunden eine größere Transparenz über Energieverbrauch und Kosten geben, als es derzeit in der analogen Welt möglich ist.
Die individuelle Datenanalyse und –auswertung wird die Grundlage für die Entwicklung neuer Produkte.

4. Wie beurteilen Sie Kooperationen und Partnerschaften?
Aufgrund des erheblichen Anstiegs der zu verarbeitenden Daten wird der Informationstechnologie eine erhebliche Bedeutung zukommen. Inwieweit jedes Unternehmen die Systeme in eigener Verantwortung vorhalten sollte, ist vor dem Hintergrund hoher Fixkosten fraglich. Hier sind Kooperationen sinnvoll, um durch die Bündelung eine Kostendegression zu erzielen. Bereits jetzt wird z.B. im Zusammenhang mit der Einführung der smart meter über Kooperationen beim Gateway Administrator diskutiert.

5. Welche Eigenschaften müssen Partner mitbringen?
Entscheidend ist, dass die Stadtwerke den Kontakt zum Endkunden nicht verlieren.

6. In welchen Bereichen sehen Sie Chancen für digitale Geschäftsmodelle?
Durch die Erfassung der Daten auf Erzeugungs- und Verbrauchsseite ist zukünftig eine bessere Abstimmung zwischen Angebot und Nachfrage möglich. Dies trägt zur Netzstabilität bei und erleichtert die Netzsteuerung. Gleichzeitig können auf der Grundlage individueller Verbrauchsdaten auf den Kunden zugeschnittene Angebote entwickelt werden.

7. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf Ihren Vertrieb?
In Zukunft entstehen branchenübergreifend vollkommen neue Nutzungs- und Kommerzialisierungsmöglichkeiten für die aus den unterschiedlichsten Datenquellen erhobenen Daten.
Wir sehen ein erhebliches Veränderungspotenzial in unserem Geschäftsmodell durch die fortschreitende Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf das Kundenverhalten bzw. Kundenbedürfnisse und stellen uns z.B. darauf ein, indem wir zunächst unser Kerngeschäft um zusätzliche Services im Online-Angebot ergänzen. Darüber hinaus sehen wir die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Kundenmanagements. Informationen über den Endkunden werden systematisch ausgewertet und führen zu individuellen Angeboten bezogen auf das jeweilige Nutzungsverhalten. Diese Angebote gehen weit über den eigentlichen Energieverkauf hinaus.
Gleichzeitig werden neue Formen der Kundenkommunikation z.B. über Online-Kanäle weiter an Bedeutung gewinnen.

8. Wie gehen Sie mit den Anforderungen des "digitalen Kunden" um?
Wir werden durch die Gestaltung neuer Produkte den sich verändernden Kundenbedürfnissen Rechnung tragen, und durch die Bündelung verschiedener Dienstleistungen den Kunden an uns binden, um den Zugang zum Haushalt nicht zu verlieren.