Mehr als bunte Zettel – Die ING wird 100% agil

Interview
im Vorfeld der Euroforum Konferenz „Agile Banking“ (7. und 8. Oktober 2019 in Frankfurt)

Mit:
Eliza Manolagas, Expertin Organizational Development, Strategy & Business Development, ING Deutschland
Nadine Zasadzin, Center of Expertise Lead Way of Working, ING Deutschland

1. Vor welchen Herausforderungen standen Sie bzw. die ING, als es vor 1 ½ Jahren hieß, die Bank will agil werden?

Die größte Herausforderung lag sicher darin, das Warum für die Veränderung für die Kollegen in der Bank verständlich zu machen. Denn welche Gründe gibt es für eine erfolgreiche Bank, wenn doch alles vermeintlich gut läuft? Um Antworten auf diese Fragen zu haben, haben wir mit dem Vorstand erst einmal das Warum erarbeitet und eine Kommunikation abgeleitet.

2. Wie war der Weg dort hin und welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis gemacht?

Der erste Schritt war die Gründung eines Transformationsteam, das aus Mitarbeitern aus verschiedenen Unternehmensbereichen bestand. Der zweite war die Entscheidung, das zu leben, was man predigt. Unser Team hat gemeinsam mit dem Vorstand entschieden, die Transformation agil, also iterativ anzugehen, statt alles bis zum Ende zu planen und dann erst umzusetzen. Wir haben beim Laufen gelernt und uns ständig weiterentwickelt: agile Prinzipien, Rollen, Routinen, Methoden und wussten so, was auf unsere Kollegen zukommt. Geholfen hat uns auch, dass wir auf die Erfahrungen unsere Kollegen aus den Niederlanden zurückgreifen konnten, die zwei Jahre zuvor ihre agile Transformation vollzogen hatten.  Eine weitere wichtige Erfahrungen für uns war: eine neue Struktur zu implementieren ist vergleichsweise einfach. Die größte Veränderung findet beim Mindset, dem Führungsverständnis und damit der Unternehmenskultur statt.

3. In welchen Abteilungen haben Sie Agilität gestartet und waren die Learnings für den weiteren Ausbau?

Wir haben mit den Unternehmensbereichen gestartet, die für die Entwicklung von Produkten und Services verantwortlich sind. Hier haben wir die Mitarbeiter vom Business mit einer neuen Organisationsstruktur näher mit denen der IT zusammengebracht. Schon in dieser ersten Phase haben wir viel ausprobiert und gelernt: Wir haben mit internen Kommunikationsformaten experimentiert und sie angepasst, wir haben eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat erreicht, neue Trainingsformate entwickelt und das Recruiting auf agiles Arbeiten angepasst.

4. Wie lässt sich Agilität organisieren und leben?

Am besten agil: Man muss in die Praxis kommen, agile Routinen erfahren, nicht perfekt und weit im Voraus planen, sondern ausprobieren, reflektieren und ständig verbessern. Nutzen Sie Agile Coaches, die Sie begleiten und die Routinen moderieren. Agiles Arbeiten ist keine Raketenwissenschaft. Es ist ein einfaches, sehr diszipliniertes Arbeiten, das auf gesundem Menschenverstand beruht.

5. Welche Tipps würden Sie anderen Kreditinstituten geben, die gerade dabei sind, Agilität einzuführen oder überlegen, dieses anzugehen?

Klären Sie das „Warum“ der Veränderung – agiles Arbeiten ist kein Selbstzweck, sondern sollte einen Grund haben. Die Veränderung ist für Mitarbeiter sehr groß. Sie sollen wissen, warum dieser Schritt notwendig ist und warum es sich lohnt.

Legen Sie Wert auf agiles Mindset auf allen Ebenen und lassen Sie jeden sich damit auseinandersetzen: Silodenken, Ego geprägtes Verhalten und Resistenz gegen Feedback bringen Sie nicht weiter.

Transformation braucht Zeit: Lassen Sie sich darauf ein. Halten Sie es aus, wenn die Veränderung schwierig ist, nehmen Sie den Aufwand, die Situation gemeinsam ständig zu reflektieren und zu verbessern. Jeder fällt mal in alte Muster zurück – wenn Sie offen für Feedback sind, können Ihnen Ihre Kollegen helfen.

6. Im September wird die ING 100% agil sein. Wir werden im Oktober somit aus erster Hand vor Ort darüber hören. Worauf können wir schon jetzt gespannt sein?

Wir geben gerne einen Einblick hinter die Kulissen und teilen – im Sinne der Agilität – unser Learnings. Was lief gut und was lief schief!

Wir sehen schon heute, dass viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen sich mit dem Thema auseinandersetzen und sind schon stolz darauf, dass wir die erste agile Bank Deutschlands sein wollen. Das bedeutet nämlich vor allem: Wir sind nie fertig damit. Agiles Arbeiten ist ein ständiges Lernen, ständige Verbesserung.

Wir hoffen, dass auch unsere Kunden das möglichst bald spüren und wir schneller auf ihre Bedürfnisse reagieren können.

Vielen Dank für das Interview.