Blockchain Hype in Deutschland — zwischen Zurückhaltung und unüberlegtem Losrennen

Blockchain Hype Oliver Gahr IBM

Als Blockchain-Experte bei IBM erlebt Oliver Gahr den Blockchain-Hype-Cycle in seiner vollen Bandbreite. Im Interview berichtet er von zu viel Zurückhaltung auf der Einen und zu unüberlegtem Losrennen auf der anderen Seite. Und es gibt auch die Beispiele wie man es richtig macht…

Oliver Gahr ist  Program Director, Innovation & Emerging Technology bei  IBM Germany Research & Development und spricht bei Best of Blockchain im April 2018 in Düsseldorf zum Thema „Blockchain – nach dem Hype das Tal der Tränen“.

Herr Gahr, auf Ihrem Twitterprofil bekennen Sie sich zu Ihrer Vorliebe für Ducatis und Musik. Kann Blockchain auch ihre beiden Steckenpferde verändern? Wie?

Durchaus, Blockchain kann in allen Branchen Dinge verändern und verbessern. Beispiel Motorrad – ich war in diesem Jahr von einer Rückrufaktion betroffen. Da man keinerlei Transparenz innerhalb der Zulieferketten hat, zumindest nicht bis hinunter auf die einzelnen Bauteile, wird eben grundsätzlich ein Teil bei sämtlichen Motorrädern getauscht – wirklich defekt war es vermutlich nur bei einem Bruchteil. Würde man die Historie der Bauteile digital über eine Blockchain erfassen, wüsste man genau welche Teile betroffen sind und könnte die betroffenen Halter gezielt anschreiben.
Und auch in der Musikbranche hält die Blockchain Einzug, hier geht es um Dinge wie Lizenzrechte oder die komplette Eigenvermarktung. Künstler wie beispielsweise Imogen Heap setzen bereits auf Blockchain Technologie.

Und beruflich? Mit Einsatzmöglichkeiten in welchem Sektor beschäftigen Sie sich in ihrem Job bei IBM hauptsächlich? Worauf ist Ihr aktueller Fokus?

Wir sind in allen Industrien unterwegs und haben keinen speziellen Sektor im Fokus. Natürlich sind manche Branchen insgesamt schon weiter als andere, aber überall gibt es Unternehmen, die nicht abwarten was andere tun, sondern selbst aktiv werden – und diese unterstützen wir. Einer unserer technologischen Schwerpunkte sind Integrationen von Internet of Things Daten oder auch bessere Analytics-Fähigkeiten in die Blockchain zu bringen.

Bei Ihrem „Best Of Blockchain“-Vortragtitel „Nach dem Hype das Tal der Tränen“ muss ich an den Witz mit der Schildkröte und ihrem Satz „So viel Sand und keine Förmchen“ denken. Weint die Wirtschaft, weil es noch keine/zu wenig Blockchain Use Cases gibt?

Zugegeben ist mein Vortragstitel etwas provokant – und so soll es auch sein. Wir sehen alle Facetten des Hype-Cycles bei Unternehmen – für manche noch Zukunftsmusik an die man sich noch nicht herantraut, andere die sehr euphorisch sind und viele Ideen haben und eben jene, die früh versucht haben ihre ersten Ideen technologisch umzusetzen – und dann oft von der Realität eingeholt wurden. Man kann vieles falsch machen in einem Blockchain Projekt. Den falschen Anwendungsfall wählen oder die falsche Technologie einsetzen, gerne auch in Kombination. Es gibt nicht zu wenige Use Cases – es gibt eher zu viel Zurückhaltung auf der Einen und zu unüberlegtes Losrennen auf der anderen Seite. Und es gibt auch die Beispiele wie man es richtig macht – mehr dazu dann in meinem Vortrag.

Und wie kommt die deutsche Wirtschaft aus diesem Tal raus? Hilft da nur „Hinfallen, aufstehen, Mund abwischen, weiter gehen“?

Genau – und wichtig, das nicht alleine zu tun – erstens gemeinsam mit anderen Unternehmen, denn dort liegt der Mehrwert der Blockchain und zweitens mit einem Partner, der seriös beraten und auch in der Umsetzung helfen kann. Man sollte auch in frühen Phasen bereits weiterdenken, als an Prototypen – wer und wie managed man denn solch eine Umgebung, wo liegen welche Daten – was ist mit GDPR usw. All diese Fragen müssen früh entschieden werden, wenn man erfolgreich sein will.

Wie „blockchainig“ ist Deutschland Ihrer Meinung nach? Sind andere Länder (in Europa) weiter? Werden Firmen/Startups mit Blockchain-Ideen woanders besser gefördert?

Wir sehen sehr viel Bewegung im deutschsprachigen Raum und ich denke nicht, dass wir hier hinter anderen Ländern in Europa sind – im weltweiten Vergleich gibt es in Asien aber auch in Nordamerika Projekte, die bereits größer sind. Das liegt zum Teil an der Mentalität zum anderen aber auch an Rahmenbedingungen, wie die Offenheit von Behörden, die in vielen Anwendungsfällen eine wichtige Rolle spielen.