Blockchain und Smart Contracts – erhöhte Flexibilitäten für die Energiewirtschaft

Blockchain und Smart Contracts – erhöhte Flexibilitäten für die Energiewirtschaft

Stefan Jessenberger ist in seiner Rolle bei der Siemens AG nicht nur fasziniert von der Blockchain-Technologie, sondern sieht darin eine Chance, die Art und Weise, wie Energiesysteme interagieren, zu revolutionieren. Im Interview beschreibt er die Vorteile für einzelne Akteure und erklärt, in welchen Bereichen und Geschäftsfeldern die Anwendung besonders vielsprechend ist.

Stefan Jessenberger ist Innovation & Partner Manager Renewable Integration & Microgrid Systems in der Energy Management Division bei der Siemens AG und spricht bei Best of Blockchain im April 2018 in Düsseldorf zum Thema „Blockchain as enabler for Transactive Energy Systems“.

Herr Jessenberger, welche Vorteile bietet der Einsatz von Blockchain und Smart Contracts in der Energiewirtschaft?

Wir erwarten, dass sich hiermit zukünftig zum Beispiel der automatisierte Handel von Energie und Flexibilitäten von Millionen dezentraler Erzeuger-, Speicher- und flexibler Verbrauchersysteme organisieren lässt. Und dies unter Berücksichtigung ihrer Lokation sowie des erwarteten Netzzustandes zu bestimmten Zeitpunkten. Wir nennen dies transaktionsbasiertes Energiesystem oder Transactive Energy System.

Und wie können die einzelnen Akteure davon profitieren?

Endverbraucher, die sich durch den Betrieb von Eigenerzeugungsanlagen und Energiespeichersystemen, mehr und mehr zu Prosumenten entwickeln und über zunehmend flexible elektrische Verbraucher wie Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge verfügen, erhalten hiermit einen direkten Zugang zum Energiemarkt. Sie können so ihre Flexibilitäten, was den Zeitpunkt und die Höhe der entnommenen oder eingespeisten Leistung anbelangt, nutzen, um Ihre Energiekosten zu senken oder überschüssige Energie optimiert am Markt zu verkaufen. Voll automatisiert, versteht sich. Netzbetreiber können zukünftig beispielsweise Regelenergie günstiger an einem größeren Markt beziehen. Innovative Dienstleister können neue cloud-basierte Geschäftsmodelle für Prognose-, Optimierungs- und Energieeffizienz-Services etablieren.

Wie kann die Blockchain dabei helfen, unser Energiesystem effizienter bzw. flexibler zu machen?

Im Wesentlichen beruht dies auf der Verknüpfung der blockchain-basierten Smart-Contract-Technologie mit modernen Datenanalyse- und Optimierungsfunktionen. Smart Contracts ermöglichen dabei die automatisierte Ausführung rechtsverbindlicher Transaktionen, denen eine entsprechende physikalische Lieferung folgt. Und dies zukünftig, dank kostengünstiger Geräte und automatisierter Prozesse, auch für sehr kleinteilige Erzeuger, Verbraucher oder Mischungen beider, sogenannter Prosumenten. Durch die Nutzung detaillierter Informationen des Energiesystems wie erwarteter Verbrauch, erwartete Erzeugung und daraus resultierender Energieflüsse, lassen sich zum Beispiel Netzengpässe vorhersagen und durch dynamische Netzentgelte minimieren. Zudem wird der Bedarf an Speicherkapazitäten minimiert, da Kapazitäten der dezentralen Speicher über einen frei zugänglichen Markt auch anderen Marktteilnehmern zur Verfügung gestellt werden können.

In welchen Geschäftsfeldern ist die Technologie am effizientesten einzusetzen?

Die Technologie verspricht in vielen Geschäftsfeldern Vorteile gegenüber konventionellen Verfahren zu bieten. Neben dem angesprochenen dezentralen Energiehandel zeichnen sich auch Kostenvorteile und Qualitätssteigerungen bei Abrechnungs- und Zertifizierungsprozessen ab. Beispielsweise ist der Abgleich von Abrechungsdaten zwischen Energieversorgern und Netzbetreibern heute sehr aufwändig, fehlerbehaftet, langwierig und damit teuer. Auch der Nachweis der Herkunft des Stroms zu Zwecken der spezifischen Vermarktung, zum Beispiel in Form sogenannter Grünstromprodukte, ist aufwändig und teuer.

Welche Anwendungsbereiche sind besonders vielversprechend?

Der Handel von Energie und Flexibilitäten zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Prosumern jedweder Größenordnung erscheint uns derzeit als sehr vielversprechend. Wir gehen allerdings auch davon aus, dass sich die Etablierung der Blockchain-Technologie nicht durch einen einzelnen Anwendungsfall amortisieren wird, sondern eher durch die Kombination mehrerer oder durch die Nutzung der Infrastruktur für unterschiedliche Anwendungsfälle.