Lehren aus dem Bau von Blockchains

von Lukas Schmidt und Dr. Guido Zimmermann (Landesbank Baden-Württemberg)

Etwas mehr als 10 Jahre nach dem Launch der Blockchain Bitcoin, die das Ziel hatte, den internationalen Zahlungsverkehr zu revolutionieren, stellt sich nach dem Platzen der Blase am Markt für Krypto-„Währungen“ wie Bitcoin oder Ether eine zunehmende Tendenz der Normalisierung in der Evaluation der Blockchain-Technologie (BC-Technologie) ein.

Allen voran forschen v. a. Finanzinstitute in Bezug auf die Möglichkeiten dieser Technologie. Denn sie verspricht zumindest theoretisch eine höhere Effizienz und neue Geschäftsmodelle.

Kurz zur Erinnerung: Blockchains können als im Netz verteilte manipulationssichere Datenbanken verstanden werden, über die via sog. Tokens und Smart Contracts die Abbildung von automatisierten Geschäftsprozessen und ein Wertetransfer stattfinden kann, ohne hierbei auf einen Intermediär wie ein Finanzinstitut rekurrieren zu müssen. Tokens verkörpern hierbei Rechte auf einem Blockchainsystem und dienen damit quasi als „Container“ zur Verkörperung eines Rechts. Bei Smart Contracts handelt es sich um Programmcodes, die auf einer Blockchain gespeichert und in Form einer „Wenn…dann“-Beziehung automatisch ausgeführt werden. Smart Contracts stehen damit für (teil-) automatisiert ausführbare Verträge und Prozesse. Sie können im Prinzip die Funktionen, die klassischerweise von Mittelsmännern wie z. B. Banken dargestellt werden, übernehmen. In der Praxis stellen Smart Contracts zumeist durch Computerprogramme ausgeführte Statusänderungen in einer Datei dar.

Bei allen bekannten Blockchain-Systemen ist es nur deshalb möglich, auf den zentralen Intermediär zu verzichten, weil die Integrität des Hauptbuchs (das öffentliche Transaktionsprotokoll, in dem alle Transaktionen nachvollzogen werden können) durch Technologie und softwarebasierte Regeln gewährleistet ist. Die Sicherheit entsteht also aus der Technologie und muss nicht organisatorisch durch Intermediäre wie Banken sichergestellt werden. Anwendungsfälle der BC-Technologie im Bankenwesen sind z. B. der Zahlungsverkehr, der Handel und die Verwaltung von Wertpapieren oder über sog. Initial Coin Offerings eine Peer-2-Peer-Unternehmensfinanzierung.

Eine Blockchain birgt folgende innovative Elemente in sich: 1) sie kann als System für Existenzbeweise und die Zertifizierung von Daten, (2) einen Wertetransfer via Tokens und zur (3) Programmierung von Geschäftsprozessen via Smart Contracts dienen. Im Extremfall kann (4) eine Kombination von Smart Contracts zu einer Gründung von rein computergesteuerten Unternehmen (Decentralized Autonomous Organisations – DAOs) führen.

Die BC-Technologie stellt damit im Prinzip eine Revolution der Finanzmärkte dar. Denn sie ermöglicht 1) die Schaffung von digitalen Währungen als Komplement oder Substitut von Fiat-Geld; 2) eine Art „Buchhaltung für das 21. Jahrhundert“ und 3) mit Smart Contracts und DAOs neue Unternehmensrechtsformen und Geschäftsmodelle.

Chancen und Risiken gemeinsam erkunden

Die Landesbank Baden-Württemberg hat bereits sehr früh das disruptive Potenzial der BC-Technologie für das eigene Geschäftsmodell erkannt. Die LBBW hat sich daher 2016 entschieden, mit Partnern aus der Industrie die Chancen und Risiken der BC-Technologie im Rahmen von Schuldscheintransaktionen zu erforschen. Warum? Zunächst hat die LBBW als Marktführer im Schuldscheinmarkt ein strategisches Interesse an der Weiterentwicklung des Schuldscheindarlehens und der Innovationsführerschaft in diesem Produktfeld. Zudem ermöglichen die hohe Expertise und Produktkenntnis eine Fokussierung auf den Einsatz der Blockchain-Technologie und potentielle konzeptionelle Veränderungen, die sich daraus ergeben.

Wichtig ist uns bei diesen BC-Projekten gewesen, Kunden früh einzubinden. Der Logik der BC-Technologie folgend, erscheint eine Konzeptionierung ohne die Einbindung anderer Parteien als wenig zielführend. Erst durch die Einbindung mehrerer Parteien und unterschiedlicher Blickwinkel lässt sich das Fundament für ein funktionierendes Ökosystem und damit einhergehende Netzwerkeffekte legen. Die BC-Technologie endet nicht an der Unternehmensgrenze, sondern erfordert und fördert unternehmensübergreifende Kooperationen und Lösungen. Die Erfahrungen aus dem ersten Blockchain-Projekt zusammen mit der Daimler AG und drei Großsparkassen mündeten in das nächste, höher skalierte Projekt, zusammen mit Teléfonica Deutschland und 13 anderen beteiligten Instituten.

Blockchain wird auch Industrieunternehmen verändern

Nicht nur interne Prozesse einer Bank werden durch den Bau einer Blockchain neu konzeptioniert. Auch Industrieunternehmen müssen sich fragen, inwieweit die BC-Technologie etablierte Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellt und verändern wird. Die Grundfrage ist und muss immer sein: Welchen Zusatznutzen bringt eine Blockchain-Anwendung für das Unternehmen und die Kunden im Vergleich zu traditionellen Lösungen? Diese Frage lässt sich nicht ohne weiteres beantworten und erfordert sowohl ein hohes Maß an konzeptionellem Verständnis der BC-Technologie als auch eine detaillierte Analyse bestehender Prozesse und Geschäftsmodelle.

Die Vorteile der BC-Technologie liegen in potenziellen Effizienzsteigerungen, die durch die Blockchain als kritische Infrastruktur ermöglicht werden, weil sie eine stärkere Verknüpfung von Industrien möglich machen. Diese Verknüpfung wird mit Sicherheit Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle etablierter Banken haben. Die von ihnen wahrgenommenen Aufgaben wird es allerdings nicht redundant machen. Ein großes Effizienzpotenzial schlummert aber in der Visibilität und der Unveränderbarkeit der auf einer Blockchain gespeicherten Daten. Um ein Beispiel aus der Baufinanzierung zu nehmen: Heute muss ein Immobilienbesitzer in spe eine Finanzierung bei einer Bank anfragen, einen Vertrag mit einem Bauträger schließen, der wiederum Verträge mit Subunternehmern schließt. Der Immobilienbesitzer muss zudem Verträge mit Versicherungsunternehmen abschließen, den Kaufpreis überweisen und das Ganze final von einem Notar beglaubigen lassen. Würde man alle beteiligten Parteien in eine gemeinsame Infrastruktur – eine Blockchain – integrieren und hätten alle Beteiligten ein gleiches Bild über den aktuellen Baufortschritt, die Wertigkeit der Immobilie, die abgeschlossenen Versicherungen und die zu leistenden Teilzahlungen, könnten Effizienzpotenziale gehoben werden. Die versprochene umfassende Dezentralität der Blockchain in ihrer Reinform könnte somit paradoxerweise für mehr Zentralität, Effizienzsteigerungen und ein stärkeres Zusammenarbeiten von Markteilnehmern unterschiedlicher Industrien führen. So freuen wir uns, dass wir mit der Daimler AG, Teléfonica Deutschland und anderen Unternehmen und Instituten industrieübergreifend innovative Partner gefunden haben, die diese wachsende Verknüpfung der Industrien und Auswirkungen auf Geschäftsmodelle erforschen.

Kreditvergabe bleibt Aufgabe von Banken

BC-Technologie mit allen implizierten Vorteilen hat das Potenzial als kritische Infrastruktur die Interaktion zwischen den Marktteilnehmern verschiedener Industrien und auch die der Banken nachhaltig zu verändern. Auf die Aufgaben, die heute den Finanzinstituten gestellt werden, hat dies allerdings zunächst keine Auswirkung. So bleibt das Einwerben und die Allokation von liquiden Mitteln, mithin die Kreditvergabe, die originäre Aufgabe von Banken. Oder um es abstrakter auszudrücken: Die Due Diligence von Darlehensnehmern und die Bewertung von Kreditrisiken, das Verhandeln und Schließen von Verträgen, die bonitätsabhängige Konditionenfindung und das Monitoring über die Laufzeit der Finanzierung – diese Aufgaben werden nicht von der BC-Technologie als solche substituiert. Denn die inhärente Sicherheit der Blockchain wird nicht sicherstellen, dass ein Kredit am Ende der Laufzeit zurückgezahlt werden kann. Im Rahmen von täglich anfallenden Zahlungen wie bei Bitcoin mag dies erstmal eine untergeordnete Rolle spielen; bei der Allokation von Mitteln, die kurz- oder langfristig in Investitionen oder Working-Capital gebunden sind, ist aber eine saubere Analyse und das bewusste Eingehen von Risiken unerlässlich und von zentraler Bedeutung. Überträgt man nämlich einen Standard-Kreditprozess stilisiert auf eine Blockchain, so müsste jeder Marktteilnehmer, der Mittel zur Verfügung stellen möchte, mit seinen Kontrahenten selbst eine Due Diligence durchführen, die Verträge aushandeln, dem Risiko entsprechende Konditionen verhandeln und adäquate Dokumentationsparameter finden. Über die Laufzeit des Darlehens müsste er zudem die wirtschaftliche Entwicklung des Kontrahenten verfolgen und im Worst Case selbstständig versuchen, sein Investment wiederzuerlangen. Volkswirtschaftlich gesehen wäre dies ein höchst ineffizienter Prozess, mit erhöhten Transaktionskosten für die kreditnachfragenden Marktteilnehmer. Natürlich kann man sich aber vorstellen, dass im Rahmen der Konvergenz von Technologien in diesem Zusammenhang ein zusätzlicher Effekt zu sehen sein wird. Die Verknüpfung von BC-Technologien mit Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sowie neue Marktteilnehmer könnten neue Due-Diligence-Service-Angebote schaffen. Aber warum sollten Banken, die über viele Daten, Expertise und Vertrauen in Bezug auf die sensiblen Daten verfügen, dies nicht ebenfalls anbieten können?

Funktionierendes Ökosystem notwendig

Voraussetzung für das Realisieren von Effizienzgewinnen ist eine funktionierende Netzwerkökonomie mit einer kritischen Masse an Teilnehmern und relevanten Volumina, die über eine BC abgebildet werden. Das World Economic Forum rechnet zwar damit, dass 2025 zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts über die BC-Technologie abgewickelt werden. Voraussetzung hierfür ist aber ein funktionierendes Ökosystem. Eine derartige Netzwerkökonomie kann aber nur geschaffen werden, wenn unsere Überlegungen nicht an den Grenzen des eigenen Unternehmens enden. Das eigene Unternehmen muss vielmehr als Teil eines größeren Ökosystems, mit Finanzinstituten, zuliefernden Unternehmen und Abnehmern begriffen werden. Wir Banken müssen uns damit ein Stück weit davon lösen, vermeintliche Vorsprünge in der konzeptionellen und technischen Erschließung der BC-Technologie für uns behalten zu können, um anderen einen Schritt voraus zu sein. Denn nur, wenn die BC-Technologie eine breite Akzeptanz mit vielen Teilnehmern erfährt, sind signifikante Effizienzsteigerungen und eine Etablierung als zentrale Infrastruktur möglich.

Eine grundlegende Lehre aus dem LBBW Blockchainprojekt „Schuldscheindarlehen“ ist, dass bei gemeinsamen Projekten mit zahlreichen Beteiligten zur Lösung des Vertrauensproblems auch traditionelle dezentrale Datenbanklösungen zum Einsatz kommen könnten. Die Blockchain ist dann sinnvoll, wenn mindestens ein digitaler Asset bzw. Token eine zentrale Rolle spielt.

Für den Bankensektor stellen sich damit viele weitere Fragen: Blockchains ohne eine Tokenisierung ergeben eigentlich nur wenig Sinn – zumindest im Finanzsektor. Tokens bieten eine digitale Form für traditionelle Assets. Inwieweit können z. B. in Zukunft durch fungible Tokens (z. B. Bitcoin) bzw. nicht-fungible Tokens individualisierte Finanzierungslösungen angeboten werden? So entstehen durch die Tokenisierung von relativ illiquiden syndizierten Krediten und übertragbaren Schuldscheindarlehen neue Produkte mit neuen Sekundärmärkten. BC und die damit einhergehende Tokenisierung ermöglichen damit die Schaffung zielgerichteter individualisierter Kundenlösungen. Macht es aber z. B. Sinn, Immobilien zu tokenisieren, wenn REITS eigentlich doch gut funktionieren? Und existieren nicht bereits viel zu viele Tokens für Retail-Kunden, als dass diese sie überhaupt noch sinnvoll einschätzen und auswählen könnten?

Legal gesehen stellen Tokens einen Rechtsanspruch auf ein Asset dar. Gleichzeitig wird durch die Tokenisierung eine höhere Komplexität im Finanzsektor geschaffen. Damit steigt der Bedarf nach diesbezüglichen Beratungsdienstleistungen. Dies ergibt neue Rollen für Banken. Für den Endverbraucher dürfen Vorteile nicht erklärungsbedürftig sein und eine erhöhte Komplexität bedeuten. Vielmehr müssen Anwendungen – zumindest perspektivisch – intuitiv nutzbar und integrierbar sein. Nur dann lässt sich eine Skalierbarkeit uns Akzeptanz gewährleisten, die für das Entstehen von Ökosystemen unerlässlich sind.

Entwicklung steht erst am Anfang

Blockchains, auch wenn sie „permissioned“, also privater Natur sind, stellen in gewisser Hinsicht ein öffentliches Gut dar. Klar ist einerseits, dass viele teure Prozesse nun im Sinne des Kunden automatisiert werden können. Andererseits ist weniger klar, inwieweit allein durch den Bau eines öffentlichen Gutes wie einer Blockchain nachhaltig (mehr) Geld verdient werden kann. Auch hier kommt das Lernen erst beim Tun. Die Entwicklung von neuen Services, an die man nicht denken würde, hätte man z. B. als Bank ein derartiges FuE-Projekt nicht betrieben, ist eine der neuen Aufgaben für die Business Development-Abteilungen von Finanzinstituten. Grundsätzlich stellt sich die Frage, welche Rolle Banken in einer dezentralisierten Welt wie der von Blockchain spielen werden. Müssen sie sich z. B. in die Blockchains ihrer Unternehmenskunden zukünftig einklinken, wenn die Unternehmen über ihre eigenen Blockchains selbst Finanzierungslösungen anbieten? Stellen Unternehmen aber in Zukunft Blockchains bereit, auf denen z. B. Smart Contracts über die Verwendung von Maschinen o. ä. ablaufen, so stellen diese Blockchains im strengen Sinne wieder Marktplätze im Sinne multilateraler Handelsplätze (MTF) dar. Es ist schwer vorstellbar, dass sich Unternehmen den hieraus resultierenden regulatorischen Bedingungen unterwerfen wollen. Banken könnten hier nun als Notary Nodes oder Oracles neue Rollen übernehmen und den Unternehmen bei der Verwaltung realwirtschaftlicher Blockchains helfen.

Die Geschäftsmodelle einer Bank ändern sich damit folglich durch eine Blockchain. Dieser Effekt muss in Bezug auf die monetäre Wertschöpfung, die realwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Implikationen hin verstanden werden. Die Entwicklung von BC-Technologie steht erst am Anfang.

Lukas Schmidt Dr. Guido Zimmermann

Lukas Schmidt ist im Corporate Debt Origination
Dr. Guido Zimmermann als Senior Economist im Research der LBBW tätig.