Dr. Christoph Hardt

Wer hat Angst vor neuen Marketplaces und Digitalisierung?

Diese Frage stellt sich Unternehmensberatungen und wird in Berlin am 30. Juni – 1. Juli bei dem Event The Future of Consulting heiß diskutiert werden.

Doch…sind Businessmodelle wie AirBnB, Ebay und Uber eine Bedrohung oder könnten Sie der Consultingbranche als Vorlage dienen?

Diese Vorstellung findet Dr. Christoph Hardt, Co-Founder and Managing Director von Comatch nicht abwegig und hat damit ein innovatives Geschäftsmodell geschaffen,
das mittles der Online-Platform Comatch Kunden und Berater zusammenführt. Als Future of Consulting Referent, erklärt Dr. Hardt im Q&A was es damit auf sich hat.

EF: Ebay, Uber, AirBnB haben einige Märkte erschüttert: Wo sehen Sie hierbei die Parallele zum Consulting?  

Dr. Christoph Hardt: All das sind Marktplätze, die Angebot- und Nachfrageseite zusammenbringen. Airbnb’s Vision lautet: Wie wäre eine Welt, in der jeder so Urlaub machen kann, wie er möchte und auch jeder Gastgeber sein kann? Wir fragen: Wie wäre es, wenn jeder Berater so arbeiten kann, wie er möchte und jeder Klient den passenden Berater findet? Flexibilität heißt auch größeres Angebot: Auch vor Airbnb haben Privatleute ihre Wohnung an Touristen vermietet, jetzt kann ich als Urlauber aber nicht nur die Wohnung wählen, die mir mein Bekannter empfohlen hat, weil er selbst zufällig im Jahr zuvor dort Urlaub machte, sondern breiter denken, Empfehlungen anderer lesen. Ich kann so eine Unterkunft finden, die mir perfekt zusagt, in einem Ort, in dem es vielleicht gar kein Hotel gibt oder eine Unterkunft wählen, die viel günstiger ist als ein Hotel, dazu charmanter, besser gelegen. Ich kann bei Airbnb buchen, wenn bereits alle Hotels ausgebucht sind. Im Consulting heißt das: Für den Klienten entstehen durch unser Businessmodell ganz neue Spielräume, Projekte können länger laufen, weil sie günstiger sind, Kunden können auf Berater zugreifen, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten. Auf Angebotsseite liegt ebenfalls eine Parallele und gleichzeitig die große Herausforderung:  Jeder, der etwas zu verkaufen hat, kann verkaufen, jeder, der ein Bett anbieten kann, kann Gastgeber sein, jeder, der ein Auto hat, kann Menschen befördern. Berater ist eine nicht geschützte Berufsbezeichnung, jeder darf sich Berater nennen, sobald er einen Rat geben kann. Aber klar: Klienten wollen Berater, die wirklich was können, genau wie Touristen auch nur Betten mit sauberem Laken wollen. Die Qualitätssicherung ist für alle, ebay, Airbnb, uber und uns allesentscheidend. Deshalb investieren wir so viel Zeit in unseren Qualitätssicherungsprozess. Fakt ist, wir sehen hier Märkte, in denen Löcher entstanden, in die jemand springt.

EF: Welche momentanen Marketplaces sehen Sie als potentielle Disruptoren für Unternehmensberatungen?

Dr. Christoph Hardt: Wissen, und darum geht es im Kern ja, ist in den letzten Jahrzehnten zugänglicher geworden und die Angebote, solches Wissen zu erwerben, vielfältiger. Neben den klassischen Beratungen gibt es den Expertcall, der nur wenige Minuten dauert und viele Interimsagenturen für die richtig langen Sachen, dazwischen ist der große Markt der typischen Beratungsprojekte von zwei bis sechs Monaten, hier gibt es im DACH-Region vielleicht eine Handvoll von Marktplätzen. Es werden jene den Kunden überzeugen und den Markt verändern können, die drei wichtige Dinge liefern: Qualität, Geschwindigkeit und Vertrauen. Und da wird es schon eng, wenn man genauer hinschaut.

EF: Wie kann die Beratungsbranche hier entgegensteuern?

Dr. Christoph Hardt:  Das muss sie gar nicht, sie ist nicht in existenzieller Gefahr durch diese Marketplaces, sondern kann im Gegenteil profitieren. Die kleineren Spezialberatungen werden weiterhin von ihrer Fachexpertise profitieren, die großen Top Tiers haben die Reputation und die Manpower, sowohl bei den Beratern als auch im Backoffice. Für Hochschulabsolventen werden sie immer die erste Adresse bleiben. Marketplaces sollten aber als Teil der Beratungsbranche angesehen werden, nicht als Störenfried von außen. Die Unternehmensberatungen, aus welchen die freien Berater kommen, können sich doch gar nicht ernsthaft darüber wundern, dass die Menschen, bei denen sie selbst jahrelang die Leidenschaft fürs Beratern entfacht und gefördert haben, nun, nach ihrem Weggang, an dieser Leidenschaft festhalten.  Und so vergrößern die Marketplaces auch den Beratungsmarkt, indem sie Berater, die in die Industrie gewechselt wären oder etwas ganz anderes gemacht hätten, in der Branche halten oder indem sie ganz neue Kundengruppen an die Beratung ranführen.

EF: Wie können Beratungen den Spieß herumdrehen und die neuen Trends für sich nutzen?

Dr. Christoph Hardt: Ganz pragmatisch: Sie können natürlich die Angebote selbst nutzen, einerseits wenn wirklich Not am Mann ist, oder wenn bspw. ein Industrieexperte für eine interne Schulung gebraucht wird und andererseits im größeren Rahmen risikolos ohne Fixkosten in neue Bereiche expandieren und Umsatzpotential erschließen. Einfach die Flexibilität, die entsteht, für eigene Wachstumsimpluse nutzen.

EF: Sind digitale Modelle ein reales Zukunftsszenario in einem Geschäft, das traditionell von Face-to-Face Kontakten profitiert?

Dr. Christoph Hardt: Wir dürfen Digitalisierung und people’s business in unserer Branche auf keinen Fall als natürliche Feinde betrachten. Natürlich wird Beratung immer ein people’s Business bleiben, das liegt doch schon in der Natur der Sache: Wenn wir privat einen Rat suchen, nehmen wir ihn auch nur von Menschen an, die wir ernst nehmen, denen wir zutrauen, eine Situation gut einschätzen zu können, es geht also viel um Vertrauen. Digitalisierung wiederum ist nach unserem Verständnis ein wichtiges Hilfsmittel, um die richtigen Menschen zu finden und dann zu vernetzen, und um alte Märkte neu zu erschließen,   Abläufe zu beschleunigen – es ist aber immer nur ein Mittel zum Zweck, niemals der Zweck an sich. Thorsten Dirks, Telefonica-Vorstand, hat das letztens sehr schön pointiert in einem Zitat auf den Punkt gebracht: „Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.“ Heißt: Die Basis muss stimmen. Die Basis ist gute Beratung. Gute Beratung braucht Kernkompetenzen und natürlich Face to face. Wenn das gegeben ist, kann der richtige, smarte Einsatz des Hilfsmittels Digitalisierung im Wettbewerb entscheidend sein. Das gilt natürlich nicht nur für Beratung, sondern für alle Branchen.  Dr. Christoph Hardt wird als Referent bei The Future of Consulting teilnehmen.

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