BlaBlaCar — Der leere Sitzplatz als Hidden Mobility Champion

Während in der Diskussion um Nachhaltigkeit in der Mobilität viel über Antriebs- und Fahrzeugtechnologien gesprochen wird, gibt es einen Ansatz, schon jetzt ökonomischer und ökologischer zu reisen: bei drei Milliarden Autofahrten von Stadt zu Stadt bleiben im Schnitt 2,3 Sitzplätze pro Jahr in Europa unbesetzt. Gregor Pawlowski, Country Manager Deutschland von BlaBlaCar , erklärt im Interview, wie die Mitfahr-Plattform BlaBlaCar durch technische Weiterentwicklung und durch Kollaboration der Menschen Mobilität auf der Langstrecke revolutionieren will.

Wie Mobilität sofort ökonomischer und ökologischer gestaltet werden kann

Herr Pawlowski, Sie beschreiben den leeren Sitzplatz als Hidden Mobility Champion. Was meinen Sie damit?

Ganz einfach: Auf Straßen weltweit ist ein riesiges Mobilitätspotenzial vorhanden. Das Auto macht beinahe 80% des Individualverkehrs auf der Langstrecke aus und ist damit ganz klar Verkehrsmittel Nr. 1, weit vor Bahn, Bus oder Flugzeug. Jedes Jahr gibt es in Europa drei Milliarden Autofahrten von Stadt zu Stadt, auf denen im Schnitt 2,3 Sitzplätze unbesetzt bleiben. Dass so viele Sitzplätze leer bleiben, obwohl garantiert viele andere Menschen ohne Auto nach einer Reisemöglichkeit auf der gleichen Strecke suchen, macht ökonomisch wie ökologisch schlichtweg keinen Sinn.

Leere Sitzplätze in umherfahrenden Autos sind also versteckte Mobilitätschampions, weil sie durch digitale Bündelung und Vermittlung ein immenses Reisenetzwerk bilden. Ohne zusätzliches Blech auf die Straße zu setzen, ohne die Entwicklung und Produktion von Fahrzeugen, haben Millionen von Menschen durch die Nutzung einer Mitfahr-Plattform wie BlaBlaCar Zugang zu komfortabler, schneller, nachhaltiger und kostengünstiger Mobilität. In der BlaBlaCar-Community liegt die durchschnittliche Auslastung einer Fahrt bereits jetzt bei 2,8 Personen.

Heutzutage wird bei Diskussionen rund um die Zukunft des Autos ja sehr häufig von neuen Antriebs- und Fahrzeugtechnologien gesprochen – das ist auch absolut notwendig und richtig. Gerade, wenn es jedoch um eine realistische Änderung von Mobilitätsverhalten geht – was essentiell ist, um den Verkehrsherausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu begegnen – sollten wir das Offensichtliche und Naheliegende jedoch nicht vergessen: Carpooling setzt durch den smarten Einsatz digitaler Möglichkeiten bereits jetzt ungenutzte Mobilitätsressourcen frei.

BlaBlaCar ist ein in 22 Ländern vertretenes Unternehmen. In welchem Land ist Mitfahren besonders beliebt? Und wie schlagen sich die Deutschen im Vergleich?

Deutschland gehört zu unseren Kernmärkten, denn das Mitfahr-Prinzip hat hier eine lange Tradition. Bereits vor der Digitalisierung sind die Deutschen in Offline-Mitfahrzentralen bzw. -büros gegangen und haben dort Menschen gefunden, mit denen sie zusammen gereist sind. Wir haben das Ganze ins digitale Zeitalter übersetzt. Mitfahren funktioniert heute hauptsächlich über das Smartphone, die moderne Schaltzentrale. In Deutschland ist unser Ziel, Carpooling weiter in der breiten Bevölkerung bekannt und attraktiv zu machen. Dadurch, dass die „gute, alte“ Mitfahrzentrale viele Jahre eher ein Nischenphänomen war, ist es unsere Herausforderung, diese Vorstellung aufzubrechen und zu zeigen: Mitfahren hat nichts mehr mit schwarzem Brett oder gar Trampen zu tun, sondern ist so einfach und zuverlässig wie die Fortbewegung mit anderen Verkehrsmitteln für die Langstrecke – und diesen sogar in vielerlei Sicht überlegen. Mitfahrgelegenheiten sind wirklich etwas für jeden, der nachhaltig, schnell, flexibel, komfortabel und günstig ans Ziel kommen möchte.

Frankreich ist natürlich unser erster und „ältester“ Markt. Nach über zehn Jahren, in denen BlaBlaCar dort mittlerweile existiert,  liegt unsere Bekanntheit bei über 90% und 40% der Franzosen zwischen 18 und 35 Jahren haben einen BlaBlaCar-Account.

Unglaublich spannend sind auch Märkte wie Russland oder Brasilien, in denen BlaBlaCar mit Carpooling eine vollkommen neue Mobilitätsmöglichkeit eingeführt hat: Das Nutzen und Anbieten von Mitfahrgelegenheiten wird dort großartig angenommen und wir wachsen rasant.

Wie viele andere Tech-Startups hat BlaBlaCar keine Assets im klassischen Sinn. Doch Daten sind in der digitalisierten Welt Gold. Ist die Community ein Trumpf, der andere Businessmodelle ermöglicht?

Momentan konzentrieren wir uns voll und ganz auf Projekte, die sich ums Ökosystem Auto, Mobilität und unmittelbar um Carpooling drehen. Und durch die Größe unserer Community haben wir natürlich die nötige Power, um anhand von Partnerschaften Mehrwerte zu schaffen, von denen wiederum unsere Mitglieder profitieren. Es handelt sich dabei um Vorteile rund ums Reisen im Auto, die ein einzelner so nicht bekäme.

In Frankreich haben wir beispielsweise ein Pilotprojekt mit ALD Automotive und Opel gestartet, durch das unsere französischen Botschafter (die aktivsten Nutzer der Plattform) ein neues Auto zu einmaligen Konditionen leasen können. Dazu profitieren sie von Car-as-a-Service-Paketen, bei denen eine Garantie und Wartungsservice inbegriffen sind. Solche Partnerschaften haben natürlich auch eine Signalwirkung für Menschen, die uns vielleicht vorher noch nicht genutzt haben und die dann überlegen: Vielleicht probiere ich es auch mal aus.

Das Thema Multimodalität wird unter Mobilitätsanbietern viel diskutiert. Kann BlaBlaCar auch eines der Module sein? Wie sieht es mit Kooperationen mit anderen Anbietern, zum Beispiel im ÖPNV, aus?

Denkbar ist natürlich Vieles und gerade die so genannte erste und die letzte Meile sind für eine Langstreckenreise immer interessant. Entscheidend ist allerdings immer, von welchem Umfeld wir sprechen – häufig wird bei Überlegungen zur Zukunft der Mobilität der urbane Raum betrachtet. Hier ist Multimodalität essentiell und das Auto ist ein Verkehrsmittel unter vielen, das meist gar nicht mehr bewegt werden muss. Schaut man jedoch in die Fläche – in Vororte und den ländlichen Bereich – sieht man ganz schnell, wie anders Mobilitätsbedürfnisse und Infrastruktur gelagert sein können.

Funktionierende Multimodalität ist hier schon schwieriger, weil Verkehrsmittel eine andere Netzdichte benötigen. Deswegen hat das Auto dort einen ganz anderen Stellenwert. Warum? Weil es komfortabel, flexibel und günstig ist und es keine wirklichen Alternativen gibt – und weil es unimodal funktioniert. Ein Netzwerk wie BlaBlaCar basiert darauf, dass Menschen mit der gleichen Reiseabsicht miteinander verbunden werden. So sind sie wesentlich flexibler und – bei gutem Matching – unimodal unterwegs, d.h. von Haustür zu Haustür, ohne umsteigen zu müssen. Das kann kein anderes Verkehrsmittel so leisten.

Es gibt im ländlichen Raum mittlerweile ja vielerorts die so genannten Mitfahr-Bänke, auf die sich Menschen setzen können und darauf warten, dass sie jemand, der in die gleiche Richtung unterwegs ist, mitnimmt. Die Idee ist sehr basal und eigentlich ein wenig wie die alte, analoge Mitfahrzentrale. Darum hat sie auch Defizite: Ein Mangel an Vertrauensbildung, ähnlich wie beim Trampen, keine kritische Masse, oft Zeitverlust und keine Planbarkeit bzw. Zuverlässigkeit. Eine Plattform wie BlaBlaCar räumt all diese Missstände aus und ist mit wachsender Netzdichte die unimodale Reisemöglichkeit schlechthin:

Durch das automatisierte Matching von Mitgliedern mit der gleichen Reiseabsicht sowie ähnlichen Abfahrts- und Ankunftswünsche braucht es gar kein Umsteigen mehr. Man kommt auf dem direktesten Wege von A nach B.

Hat BlaBlaCar zusätzlich zum vorher gebuchten Langstrecken-Carpooling die technische Möglichkeit/Absicht, spontanes Mitfahren zu ermöglichen und damit in Konkurrenz zu Taxi-Anbietern zu treten?

Wir haben zunächst einmal die Absicht, Mobilität auf der Langstrecke zu revolutionieren – durch technische Weiterentwicklung und durch Kollaboration der Menschen, die reisen. Das ist der Kern von BlaBlaCar.

Mit BlaBlaLines haben wir vor kurzem in Frankreich ein Pilotprojekt speziell für Pendler auf der Kurz- und Mittelstrecke gestartet, das losgelöst ist von der BlaBlaCar-App. Um einen Taxi-Dienst geht es hierbei jedoch keinesfalls: Im Zentrum steht nach wie vor der Gedanke, dass Autofahrer mit freien Sitzplätzen diese anderen Menschen mit dem gleichen Fahrtziel anbieten, so dass diese ihr Fahrzeug stehen lassen können und die Reisenden sich die Kosten der Fahrt teilen. Was jedoch stimmt ist, dass Mitfahrer bei Reisen auf kürzeren Strecken viel kurzfristiger planen, was zum Beispiel zusätzliche Herausforderungen beim Matching von Mitfahrern und Fahrern schafft.

Gregor Pawlowski  spricht bei Future Mobility im November in Berlin zum Thema
Mobilität außerhalb urbaner Zentren: Unimodal, flexibel, nachhaltig, servicegebunden – die Zukunft des Autos ist eine geteilte
Nehmen auch Sie an #fumo17 teil und erhalten Sie wertvolle Insights wie Mobilität ökonomischer und ökologischer gestaltet werden kann. 

 

GrGregor Pawlowski BlaBlaCaregor Pawlowski hat Politikwissenschaft, Linguistik und öffentliches Recht in Freiburg, Heidelberg und Taipeh studiert. Er sammelte Erfahrungen beim Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages, bei der deutschen Botschaft in Washington, DC sowie im Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung. Im Jahr 2013 führte ihn sein Interesse an Startups und der Sharing Economy zu BlaBlaCar, unmittelbar als das Unternehmen seine Expansion in den deutschen Markt gestartet hatte. Hier war er anfangs für die Online-Kommunikation und das Community-Management zuständig, leitete anschließend ab 2014 das deutsche Marketing-Team und übernahm Ende 2016 das Country Management für Deutschland.