So reagiert der VBB in Berlin & Brandenburg auf Bedürfnisse der ÖPNV-Nutzer

VBB ÖPNV

Der öffentliche Personennahverkehr wird immer individueller und  geprägt von den persönlichen Bedürfnissen der ÖPNV-Nutzer. Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), betont in diesem Interview, dass Mobilitätsanbieter sich jeden Tag aufs Neue fragen müssen, wie man einfachen, schnellen und stadtverträglichen öffentlichen Verkehr gestalten kann.

Frau Henckel, gibt es den durchschnittlichen VBB-Nutzer? Oder ist das genau der Fehler: im Nahverkehr in Klischees und Stereotypen zu denken?

Den einen durchschnittlichen VBB-Fahrgast kenne ich tatsächlich nicht. Der öffentliche Personennahverkehr wird immer individueller und von persönlichen Bedürfnissen geprägt, schnell, komfortabel und barrierefrei zum Beispiel. Unser Verbundgebiet und auch die Fahrgäste sind divers: Wir verbinden zwei Bundesländer, das umschließt die wachsende Metropolregion Berlin genauso wie die ländlich geprägten Regionen Brandenburgs. Und auch an der Grenze kehren unsere Busse und Bahnen nicht einfach um, das Verkehrsangebot in unser Nachbarland Polen nimmt mehr und mehr an Fahrt auf. Wir haben in Berlin und Brandenburg rund 13.000 Haltestellen und Stationen, an denen jeden Tag Busse und Bahnen halten. Da kann man getrost auf das Auto verzichten und sich bequem und umweltfreundlich chauffieren lassen. Und das tun fast 4 Mio. Menschen in unserem Verbundgebiet täglich! Da gibt es die täglichen Berufspendler|innen genauso wie Tourist|innen, Gelegenheitsfahrer|innen, Schüler|innen und Senior|innen. Wir wollen daher nicht in Stereotypen denken, sondern ein ganzheitliches Angebot für alle Nutzergruppen auf Schiene und Straße bringen. Ganz gemäß unserem Motto: Alles ist erreichbar.

Haben Sie über die Jahre hinweg einen Wandel bei den Bedürfnissen der VBB-Nutzer wahrgenommen? Wie reagieren Sie darauf?

Mobilität ist schon lange kein Privileg mehr, sondern eine selbstverständliche Anforderung an unser tägliches Leben. Fahrgäste möchten topaktuelle Informationen über Verbindungen und Anschlussmöglichkeiten in Echtzeit. Deshalb stellen wir u.a. in der VBB-App Bus&Bahn Echtzeitdaten und eine Live-Auskunft bereit. Außerdem sind multimodale Verkehrsmittelkombinationen gefragt! Das bieten wir in unserer Live-Karte an, die die Echtzeitdaten der Busse und Bahnen mit den Standorten von Taxis, Leihfahrrädern und Park & Ride Plätzen kombiniert. Dort sehen Sie auf einen Blick, wo die Busse und Bahnen im VBB-Land unterwegs sind. Das multimodale Routing wird auch bald in die VBB-App Bus&Bahn integriert. Aktuelle Informationen sind also schnell und bequem auf dem Smartphone verfügbar; und der dazugehörige Fahrschein per Handyticket ebenfalls. Da ist vieles sehr viel einfacher geworden. Gleichzeitig arbeiten wir kontinuierlich am sog. alternativen Routing: Sollte eine Verbindung ausfallen oder verspätet sein, wollen wir den Fahrgästen aktuelle alternative – und bald auch intermodale –
Reisewege in der App anbieten. Und am besten auch einen Sitzplatz! Wir engagieren uns zum Beispiel in Pilotprojekten wie „Digital im Regio“. Dort wird über automatische Fahrgastzählsysteme an den Türen und smarte Fahrzeuge die Auslastung der Waggons gemessen und entsprechende Hinweise auf Monitoren am Zug und in einer App zur Verfügung gestellt. So weiß der Fahrgast vorab, in welchem Waggon noch Platz ist – und wo am besten Fahrräder und Gepäck untergebracht werden können. Nebenbei gibt es für die Fahrgäste Zugang zu kostenlosem WLAN, Spielen und Filmen an Bord.
Kurz: die ÖPNV-Branche und die Bedürfnisse der Fahrgäste haben sich enorm gewandelt – und die Entwicklung ist weiterhin rasant! Deshalb fragen wir uns jeden Tag aufs Neue, wie wir einfachen, schnellen und stadtverträglichen öffentlichen Verkehr gestalten können. Und erarbeiten mit den über 40 Verkehrsunternehmen in unserem Verbund die passenden Lösungen.

Die Deutschen gelten beim Thema Mobile Payment als eher „zurückhaltend“. Wie wird das VBB-Handyticket angenommen?

Das VBB-Handyticket ist in unsere VBB-App Bus&Bahn integriert, außerdem sind VBB-Fahrausweise auch in den Handyticketsystemen der BVG und des DB Navigators verfügbar. Neben der Suche nach der richtigen Verbindung können Fahrgäste flexibel über drei verschiedene Apps auch einen Einzelfahrschein oder eine Tageskarte buchen. Und wir profitieren durch die Zusammenarbeit von Synergieeffekten und gemeinsamen Erfahrungen bei der technischen Weiterentwicklung.
Die Variante des mobilen Ticketkaufs gibt es im VBB seit 2014. Umsatz und Nutzerzahlen steigen Monat für Monat. Seit Systemstart haben Fahrgäste fast drei Millionen VBB-Tickets mobil per Handyticket über eine der drei Apps gebucht, der Umsatz ist alleine im vergangenen Jahr um 79% gestiegen. Das ist ein toller Erfolg! Das Handyticket wird sehr gut angenommen und bietet Fahrgästen gerade für Gelegenheitsfahrten einen optimalen Vertriebskanal. Grund genug für uns, das mobil erhältliche Fahrkartensortiment kontinuierlich auszubauen.

Ein großes Ziel aller involvierten Parteien ist es, den Fahrgästen im öffentlichen Nahverkehr einfache multimodale Optionen zu bieten. Wie bewerten Sie das und welche Rolle spielt dabei die Vernetzung?

Multimobilität spielt in der sich wandelnden Mobilitätswelt eine tragende Rolle! Die individuelle und situationsbedingte Auswahl an Verkehrsmitteln gewinnt an Bedeutung. Das kann heute Bus oder Bahn sein, morgen das Auto und übermorgen das Fahrrad. Oder alle drei Varianten kombiniert auf einer Reisekette. Die Vernetzung ist dabei der entscheidende Faktor, schließlich wollen wir den individuellen und den öffentlichen Verkehr verknüpfen. Wenn wir den Wechsel zwischen den Verkehrsmitteln einfach und schnell verfügbar gestalten, können wir die Attraktivität des ÖPNVs – und hier zähle ich Sharing-Angebote mit dazu – steigern. Ziel muss es doch sein, insbesondere in dicht besiedelten Metropolregionen mit vielen Staus und verkehrlichen Engpässen, wie wir sie in Berlin häufig haben, den Wechsel vom Individual- in den öffentlichen Verkehr zu schaffen. Und in den ländlichen Regionen sehe ich viel Potenzial beim sog. Mobility on Demand, also bedarfsabhängigen Verkehrsangeboten, die zum Beispiel per App vorbestellt werden können. Digitale Angebote rund um das Smartphone sind dafür ganz wesentlich und „mitverantwortlich“ für die rasante Entwicklung in der ÖPNV-Branche. Aber mit digitalen Angeboten allein ist es nicht getan! Wenn wir entsprechend der wachsenden Nachfrage auch mehr öffentlichen Verkehr insbesondere auf die Schiene, bringen wollen, müssen wir auch für den Ausbau der Infrastruktur und die Bestellung der Fahrzeuge sorgen. Da ist ein ganzheitlicher Denk- und Strukturansatz gefragt! Im Grunde geht es um die Balance, kollektiven öffentlichen Verkehr zu schaffen, der gleichzeitig so individuell wie möglich gestaltet werden kann. Die multimodale Kombination von Verkehrsmitteln ist da ein wichtiger Baustein.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird der öffentliche Personennahverkehr in Berlin und Brandenburg in einigen Jahrzehnten aussehen?

Smart, vernetzt, multimodal und klimafreundlich. Es gibt keine Dieselfahrzeuge mehr auf der Schiene, sondern leise und emissionsfreie Fahrzeuge. Unser Liniennetz ist größer geworden, wir haben moderne Fahrzeuge im System und wissen zug- und wagenscharf, wie viele Fahrgäste und Fahrräder unterwegs sind – und unsere Fahrgäste können diese Infos digital und natürlich im Voraus abrufen. In der Fläche richten sich die Verkehrsmittel nach den Wünschen der Fahrgäste, Stichwort: automatisches bzw. autonomes Fahren auf der sog. letzten Meile, vorbestellt per App und integriert in einen modernen VBB-Tarif. Die verschiedenen Mobilitätsangebote sind intelligent miteinander verknüpft und stehen zuverlässig bereit, wenn der Fahrgast sie benötigt…da fällt mir vieles ein! Vor allem das Ziel, den ÖPNV in einer wachsenden Metropolregion zum bevorzugten Verkehrsmittel zu machen und damit einen Beitrag zur hohen Lebensqualität zu leisten.

Susanne Henckel spricht bei Future Mobility im November in Berlin zum Thema Diversität. Demographie. Digitalisierung. Herausforderungen für die Verkehrsverbünde oder: Was wollen Fahrgäste wirklich?
Nehmen auch Sie an #fumo17 teil und erhalten Sie wertvolle Insights in Lösungen für den multimodalen ÖPNV in Metropolen.

Susanne Henckel VBBSusanne Henckel ist seit März 2014 Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg und als studierte Diplom-Ingenieurin Expertin auf dem Gebiet der Stadt- und Verkehrsplanung. Aktuell beschäftigt sie sich u.a. mit der Herausforderung einer wachsenden Metropolregion, die den ÖPNV zum bevorzugten Verkehrsmittel macht.

Nach Stationen als Projektingenieurin bei Beratungsunternehmen und kommunalen Gebietskörperschaften managte sie ab 1995 in verantwortlicher Position die Modernisierung der Schieneninfrastruktur bei einem SPNV-Aufgabenträger und wirkte am Aufbau und der Stärkung eines Verkehrsverbundes mit, bevor Sie von 2010 bis 2014 die Hauptgeschäftsführung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des SPNV (BAG-SPNV) übernahm. Seit 2010 gibt Frau Henckel als Lehrbeauftragte an der Technischen Universität (TU) Berlin ihr Wissen im Fachgebiet Schienenfahrzeuge an Studierende weiter.