Dr. Stefan Segger Gericht

Der Weg vor Gericht als letzte Option

Auch wenn langjährige Prozesse für Anwälte ­finanziell lukrativ sind, ist der Gang vor Gericht für Dr. Stefan Segger, Partner & Rechtsanwalt bei Ince & Co ­Germany LLP kein überzeugendes Geschäftsmodell. Vielmehr geht es Industrie­versicherern darum, auf Augen­höhe mit dem Kunden eine faire Lösung zu ­finden. Gefragt sind dabei Sachlichkeit, Geschwindigkeit und Kreativität.

Dieser Beitrag ist Teil von #haftpflicht19. 

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Im Vorfeld der Euroforum-Jahrestagung Haftpflicht 2019 haben uns Sprecher der Veranstaltung
in Interviews und Gastbeiträgen einen Einblick in aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Haftpflichtund D&O gegeben.

Der Weg vor Gericht als letzte Option

Herr Dr. Segger, seit knapp 20 Jahren beschäftigen Sie sich mit der Schadenregulierung von Versicherungsunternehmen. Wie war Ihr Einstieg?

Als ich meine Anwaltslaufbahn mit kleineren und mittleren Fällen begann, bestand die Rolle des Rechtsanwalts vor allem darin, vor Gericht zu streiten. Bestritten wurde von Seiten der Versicherer alles, was nicht nachgewiesen war bis hin zur Existenz des Klägers. Regelmäßig wurde der Einwand der arglistigen Täuschung des Versicherungsnehmers bei Vertragsabschluss durch vorvertragliche Anzeige­pflichtverletzung erhoben, mindestens jeder zweite Schadenfall war durch angeblich grobe Fahrlässigkeit herbeigeführt, es wurden Ob­liegenheitsverletzungen eingewandt und das versicherte Ereignis und die Schadenhöhe umfassend bestritten. Beliebt macht man sich mit dieser Methode der Verteidigung allerdings nicht, weder bei Gericht noch beim Kunden. Heutzutage funktioniert sie auch nicht mehr.

Was hat sich seitdem verändert?

Wir bei Ince & Co haben uns auf komplexe Großschäden spezialisiert. Da geht es nicht darum, wer bei der Schadenregulierung besonders unverschämt auftritt. Anwälte, die regelmäßig Versicherer vertreten, haben darin zwar eine große Tradition, die Ansprüche der Kunden nach Strich und Faden zu bekämpfen. Die feingeistigeren Kollegen garnieren ihre Schriftsätze mit Shakespeare-Zitaten, die robusteren beginnen die Klageerwiderung gleich an der Grenze der Beleidigung. Der Wettbewerb in der Industrieversicherung und die Anzahl der Versicherer, die um die Industriekunden konkurrieren, lassen das heute aber nicht mehr zu. Es geht den Industrieversicherern darum, auf Augenhöhe mit dem Kunden eine faire Lösung zu finden. Da helfen weder geistreiche Spiegelfechtereien in Schriftsätzen noch blindes Bestreiten. Gefragt sind Sachlichkeit, ­Geschwindigkeit und Kreativität beim Finden von Lösungen, die beiden Seiten gerecht werden.

Welche Rolle spielen Fairness und Geschwindigkeit in der Schadenregulierung dabei genau?

In der Industrieversicherung arbeiten Versicher­er und Versicherungsnehmer auf der Grund­lage einer häufig langjährigen Ge­schäfts­beziehung miteinander. Beiden Parteien ist gerade bei komplexen technischen oder rechtlichen Problemen bewusst, dass die ­Lösung nicht schwarz oder weiß ist. Gefragt ist daher von den Anwälten eine faire, zügige, an sachlichen Argumenten orientierte Positionierungshilfe für Versicherer und Versicherungsnehmer, die Grundlage sein kann für eine vernünftige kaufmännische Lösung, mit der beide Parteien ihre erfolg­reiche Zusammenarbeit fortsetzen können. Quali­fizierte Vermittler, die ihr Geschäft verstehen, können dabei übrigens sehr hilfreich sein.

Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle als Anwalt?

Wir versuchen, die Mandanten, vor allem Ver­sicherer, die wir beraten und vertreten, möglichst schnell in die Situation zu versetzen, in einem komplexen Schadenfall eine an Sachargumenten orientierte Position einzunehmen, mit der sie die Angelegenheit mit ihren Kunden sachlich besprechen können. Das Ziel ist eine konstruktive Verhandlung statt schriftlich gegenteilige Positionen auszutauschen, was die Fronten in aller Regel nur verhärtet. Diese Herangehensweise ermöglicht den Versicherern häufig wirtschaftlich und kommerziell bessere Ergebnisse.

Bei Haftpflichtfällen gilt dasselbe beim Umgang mit dem Haftungsanspruch. Hier ist eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Ver­sicherungsnehmer gefragt. In der Schaden­regulierung ist dabei insgesamt eine stärkere Fokussierung auf die sachlich zu begründende Erledigung nötig. Das gilt für den industriellen Versicherungsnehmer, der einen komplizierten Produkthaftungsfall hat genauso wie bei Organ­haftungsfällen oder technischen Groß­schäden. Konkret setzen wir das durch verschiedene Formate um, mit denen wir unsere Mandanten mit Argumenten versorgen und ihnen ein möglichst klares Bild des Schadens vermitteln. Mitunter wollen aber auch beide Seiten, d.h. Versicherer und Ver­sicherungsnehmer, von uns gemeinsam eine un­parteiische Begutachtung. Das ist dann ein besonders schönes Kompliment an unsere Sachkunde, Sachlichkeit, Fairness und ein toller Vertrauensbeweis.
Wird denn gar nicht mehr bei Gericht gestritten? Und ist es nicht für Sie lukrativer, gerichtliche Verfahren zu führen?

Es gibt immer noch Fälle, bei denen die Positionen der Parteien so weit auseinander liegen, dass die Meinungsverschiedenheit ohne ein gerichtliches Verfahren nicht gelöst werden kann. Wenn es nicht anders geht, führen wir daher auch Prozesse. Und in der Tat ist ein Mandat für uns auch finanziell manchmal lukrativer, wenn in einem komplexen Rechtsstreit über mehrere Jahre und Instanzen gestritten wird. Das kann aber nicht unsere Strategie sein. Es ist kein überzeugendes Geschäftsmodell, wenn nur wir Anwälte von langjährigen Prozessen profitieren, für unsere Kunden hiermit aber hohe Kosten und vor allem eine Belastung ihrer Kundenbeziehung verbunden sind. Daher prozessieren wir nur und solange, wie es sich nicht vermeiden lässt. Das ist manchmal der Fall, aber deutlich weniger häufig als früher. Und ein zufriedener Mandant, der mit unserer Hilfe einen komplexen Fall erledigen kann, wird uns weiterempfehlen und uns im nächsten Fall wieder mandatieren. Das ist unser Ansatz.

In welchen Feldern außerhalb der Schadenregulierung sind Sie noch aktiv?

Wir beschäftigen uns mit innovativen Themen der Branche, die wir unter dem Stichwort des „Thought Leadership“ zusammenfassen. Dazu zählen Fragestellungen des Versicherungsaufsichtsrechts oder des Rückversicherungsrechts, aber auch Innovationen der Branche durch neue Geschäftsmodelle im Vertrieb, etwa bei InsurTechs oder der Veränderung der Kommunikation zwischen den Versicherern und ihren Kunden. Hier begleiten wir Versicherungs­unternehmen, aber auch Vermittler, bei der An­passung ihrer Geschäftsmodelle sowohl in Projekten als auch durch die Begutachtung von neuen recht­lichen Fragestellungen.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Was ­erwarten Sie in den nächsten Jahren?

In der Schadenregulierung komplexer Groß­schäden erwarte ich, dass es weiterhin einen Bedarf nach qualifizierter, erfahrener und internationaler Beratung gibt. Im Massengeschäft wird dagegen eine deutlich größere Veränderung stattfinden, insbesondere durch den Einsatz von Technologie und künstlicher Intelligenz. Es werden Schadenregulierungsvorgänge auto­mati­siert werden, was natürlich in starkem Maße auch die Anwälte betrifft, die dort tätig sind. Die ganzen Gerichtsprozesse um Verkehrsunfälle mit mühseligen Zeugenvernehmungen werden weitgehend wegfallen können, wenn wir z.B. autonome Fahrzeuge mit Blackboxes zur Datenerfassung haben werden. Wir sind in diesem Bereich der Massenschäden bislang nicht tätig und werden uns dem Thema daher unbelastet über die technologische Seite nähern können. Das wird eine spannende Entwicklung werden. Daneben erwarte ich die zunehmende Nachfrage nach Beratung und Vertretung im Versicherungsaufsichtsrecht, das mittlerweile so schwammig und unübersichtlich geworden ist, dass es zu einer Belastung für die Industrie geworden ist. Wir versuchen dabei, mit juristisch hochwertigen Begutachtungen für mehr Klarheit zu sorgen. Aber auch hier ist blindes Streiten mit der Aufsichtsbehörde keine Lösung, sondern es muss mehr miteinander debattiert und argumentiert werden. Mit unserer Expertise und Erfahrung werden wir hier die Versicherungs­wirtschaft unterstützen.