“Die D&O-Versicherung ist gekommen, um zu bleiben”

“Die D&O-Versicherung ist gekommen, um zu bleiben”

Interview mit Daniel Messmer, Head Financial Lines bei der Swiss Re

Für Rückversicherer ist das Risiko bei der Versicherung von Führungspersonal tendenziell gestiegen. Dazu tragen die ESG-Regeln, Cyberrisiken und auch die ganz normale Inflation bei. Die D&O-Versicherungen haben sich aber etabliert

Sie rückversichern schon längere Zeit gewerbliche Haftungsrisiken. Wie haben sich die Schadensarten in den vergangenen Jahren verändert?

Ich glaube, die Schadensarten haben sich in den letzten Jahren gar nicht so verändert. Es ist vielmehr das Umfeld, dass sich insbesondere im Segment Financial Lines in den letzten Jahren verändert hat und damit zu „neuen“ Schadenszenarien geführt hat. Und gerade Großschäden erhalten heutzutage deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit.

Erwarten Sie, dass neue Verpflichtungen zur Einhaltung von Menschenrechten und Nachhaltigkeit, beispielsweise ESG-Regeln oder auch das Lieferketten-Gesetz, zu neuen Haftungsrisiken führen

Die Frage ist, wie sich diese Haftungsrisiken aus Sicht der Versicherungswirtschaft in Deckungsrisiken materialisieren. Das Thema ESG ist in aller Munde und es ist es sicherlich wert, die drei Buchstaben auseinanderzunehmen und die jeweils immanenten Gefahren zu analysieren.

Stichwort Shell-Urteil: Sind diese globalen Klima- und Umweltrisiken überhaupt noch kalkulierbar?

So pauschal lässt sich diese Frage leider nicht beantworten: Bei sehr großen Unternehmen gibt es derartig viele „Eingangsportale“ für Versicherungen, dass pauschale Aussagen in die Irre leiten könnten. Für den Bereich Financial Lines kann man Folgendes festhalten: So wie die Erst- und Rückversicherer eine Transformation mit Blick auf die Betrachtung der ESG-Kriterien durchmachen, so werden sich auch die Kunden verändern (müssen). Niemand kann voraussagen, in welchem Umfang sich die Unternehmen den globalen ESG-Standards, soweit sich diese etablieren, anpassen werden. Was man allerdings sagen kann, ist, dass die D&O-Versicherer den Blick auf ESG-Kriterien im Underwriting legen werden.

Die Digitalisierung erhöht die Anfälligkeit ganzer Produktionen für Cyberattacken und andere digital verursachte Ausfälle. Kann das bei den Versicherungen zu Kumulrisiken führen? 

Natürlich. Das Thema Kumul ist dem Versicherer ja aber nicht fremd: Nicht zuletzt bei den fürchterlichen Starkregenereignissen im Sommer 2021 und den damit verbundenen Überflutungen sprechen wir von Kumulszenarien. Die Besonderheit im Bereich Cyber ist die absolut erschwerte Voraussehbarkeit. Als Versicherer kann ich meine Exponierung in einem Überflutungs- oder Erdbebengebiet modellieren. Bei der Cyberversicherung ist das deutlich schwieriger. Deshalb wird am Ende derjenige (Rück-)Versicherer die Nase vorn haben, bei dem Methodik (im Underwriting), Modell und Marktanteil im Gleichklang sind.

Inwieweit erhöhen diese Schadens-Entwicklungen das Haftungsrisiko für die Rückversicherungen insgesamt?

Das Haftungsrisiko für die Rückversicherer steigt tendenziell an. Dabei spielen die aufgezeigten Entwicklungen neben vielen anderen eine Rolle. So dürfen bei der Betrachtung der zukünftigen Lage Dinge wie „social inflation“, „social unrest“ oder auch nur die „ganz“ normale Inflation, die wir im Moment haben, nicht außer Acht gelassen werden.

Sehen Sie eine Grenze, ab der industrielle Risiken nicht mehr für Sie versicherbar sind?

Die Frage ist eher, ab wann die Versicherungsnehmer nicht mehr bereit sind, die Prämie für ihren Versicherungsschutz zu bezahlen. Zwar stellt sich die Frage aktuell nicht, man könnte aber dennoch darüber nachdenken, ab wann das Versicherungskollektiv mit Blick auf bestimmte Risiken nicht mehr funktioniert und damit das einzelne zu versichernde Risiko sich selbst finanzieren muss. Die Grenze der Versicherbarkeit definiert also daher nicht der Versicherer, sondern der Kunde.

Wo sehen Sie die Zukunft der D&O-Versicherungen?

Die D&O-Versicherung ist vor mehr als 20 Jahren gekommen, um zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Schutz von Organmitgliedern nicht mehr hinwegdiskutieren lässt. Das geht von Kleinunternehmen, bei welchen Geschäftsführer in Anstellungsverträgen D&O-Verschaffungsklauseln verhandeln, bis zu weltweit operierenden Konzernen, deren Führungspersonal ohne Vorhandensein einer D&O-Versicherung gar nicht mehr gefunden werden kann.

Fakt ist, die Sparte hat sich etabliert und wird sich den zukünftigen Herausforderungen stellen. Und gleich, welche Form der Absicherung gewählt wird, ob persönlicher D&O-Versicherungsschutz oder eine Unternehmens-D&O: die versicherte Person, die dank des D&O-Versicherers eine Privatinsolvenz vermeidet, wird spätestens dann deren wirklichen Wert erkennen und schätzen.

Die Fragen stellte Sabine Haupt