Prof. Dr. Uwe P. Kanning

Schadensverhinderung durch vorausschauende Auswahl des Managements: Was sagen Freizeitaktivitäten über einen Menschen aus?

Prof. Dr. Uwe P. Kanning – Wirtschaftspsychologe, Hochschule Osnabrück & Buchautor

Die Interpretation von Freizeitaktivitäten gehört seit vielen Jahren zu den Klassikern der Personalauswahlpraxis. Bei der Sichtung der Bewerbungsunterlagen interessieren sich beispielsweise 41 % der Unternehmen für das ehrenamtliche Engagement. Im Einstellungsinterview fragt fast die Hälfte nach den Hobbys der Bewerber. Dahinter steckt die an sich durchaus plausible Hypothese, dass sich in den Freizeitaktivitäten die Persönlichkeit eines Menschen spiegelt.

Es könnte durchaus so sein, dass Fußballspieler eine besonders hohe Teamfähigkeit mitbringen, während Menschen, die ihre Freizeit gern mit Computerspielen verbringen zum Einzelgängertum neigen. Vielleicht sind Jäger ja überdurchschnittlich offensiv und eignen sich insbesondere für den Vertrieb, während Kundenbetreuer, von sozialen Kompetenzen profitieren, die sie durch ehrenamtliches Engagement erworben haben.

Leider zeigt die Forschung allzu oft, dass plausible Hypothesen selbst dann falsch sein können, wenn sie von vielen Menschen geteilt und seit Jahrzehnten tradiert werden. Dies trifft auch in diesem Falle zu: Empirische Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen bestimmten Freizeitaktivitäten und einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen beschäftigen, kommen zu insgesamt sehr ernüchternden Befunden. Entweder finden sich überhaupt keine signifikanten Zusammenhänge oder aber die Unterschiede sind so gering, dass sie für die Personalauswahl ohne Bedeutung sind. So zeigt sich beispielsweise, dass Jäger signifikant höhere Werte in der Extraversion aufweisen. Allerdings beträgt der Zusammenhang gerade einmal ein Prozent. Wäre es nun sinnvoll im Vertrieb vornehmlich Jäger einzustellen? Nein natürlich nicht. Die extrem geringe Höhe des Effektes deutet darauf hin, dass sich unter den Jägern sehr viele Menschen befinden, die keine erhöhten Extraversionswerte haben und auch solche mit einer eher geringe Extraversion. Im Einzelfall kann man leider nicht wissen, zu welcher Gruppe ein bestimmter Bewerber gehört. Die Wahrscheinlichkeit hier eine Fehlentscheidung zu treffen ist daher sehr groß. Bei anderen Freizeitaktivitäten verhält es sich ganz ähnlich.

In Freizeitaktivitäten spiegelt sich entweder überhaupt nicht oder nur sehr geringfügig die Persönlichkeit eines Menschen. Offenbar gibt es sehr viele Gründe, warum völlig unterschiedliche Menschen einer bestimmten Freizeitaktivität nachgehen: Weil die Eltern oder Freunde dies auch machen, weil man sich dafür besonders interessiert, weil man anderen imponieren will, weil es nicht kostspielig ist etc. Wenn hunderttausende von Menschen einer bestimmten Freizeitaktivität nachgehen, finden sich in einer solch großen Gruppe alle Spielarten der menschlichen Persönlichkeit und deshalb ist auch gar nicht zu erwarten, dass Freizeitaktivitäten in nennenswertem Maße mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen.

Der Einsatz von Freizeitaktivitäten als Kriterium der Personalauswahl ist ebenso schädlich wie jedes andere Vorurteil: Er verstellt den Blick auf die tatsächlichen Eigenschaften des einzelnen Menschen. An diesem Beispiel wird verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich in der Personalauswahl nicht an plausiblen und tradierten Hypothesen sondern an Forschungsergebnissen zu orientieren.