Trinkwasserhygiene: Mehr Sensibilisierung, weniger Panikmache – Interview mit Arnd Bürschgens

Arnd Bürschgens ist Sachverständiger für Trinkwasserhygiene und Referent des Haustechniktages 2017 am 20. und 21. Juni in Mainz. In seinem Vortrag wird er zum Thema „Verbände-Richtlinie 6023 Blatt 2 – Prävention und Gesundheitsschutz nach klaren Spielregeln“ sprechen. Im Vorfeld der Veranstaltung hat er uns im Interview bereits einige Fragen zur Trinkwasserhygiene beantwortet.

Trinkwasserhygiene ist ein viel diskutiertes Thema, muss hierfür stärker sensibilisiert werden?

Arnd Bürschgens: Da die Notwendigkeit und die Anforderungen an Hygiene leider noch immer nicht in der Bevölkerung angekommen sind, muss hierfür deutlich mehr sensibilisiert werden, ohne in Panikmache zu verfallen. Die Anstrengungen, die Fachleute im Bereich der Trinkwasser-Installation unternehmen, um unser Trinkwasser rein und genusstauglich zu erhalten, dienen ja dem Schutz der Gesundheit der Nutzer. Leider fehlt es an den notwendigen Kenntnissen der Betreiber und es fehlt eine klare Priorisierung eben dieser Nutzer: Trinkwasserhygiene kostet Geld und „Legionellen passieren ja nur den anderen“, so ist leider oft die Meinung. Obgleich viele Statistiken zu Erkrankungs- und Todesfällen oder auch Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Trinkwasserhygiene existieren, wird das Thema in der Bevölkerung oftmals noch nicht wahrgenommen oder sogar abgelehnt. Das Thema Energieeinsparung ist da für Endverbraucher viel interessanter, da es suggeriert man könne Geld einsparen und es in Teilbereichen sogar staatlich gefördert wird.

Die allgemein anerkannten Regeln der Technik sind hinreichend bekannt. Wieso kommt es dennoch zu Hygieneproblemen in der Trinkwasserinstallation?

Arnd Bürschgens: Die allgemein anerkannten Regeln der Technik sind leider noch lange nicht hinreichend bekannt… Hierfür gibt es mehrere Ursachen: Zum einen natürlich das mangelnde Bewusstsein für Hygiene in technischen Anlagen bei Nutzern und Betreibern und damit auch fehlendes Interesse, was die Ursache für fehlende Kenntnisse ist. Instandhaltung in der technischen Gebäudeausrüstung – die Grundlage für den bestimmungsgemäßen Betrieb – wird extrem oft vernachlässigt. Installateure, die beim Kunden auf Themen wie Hygiene und Instandhaltung ansprechen, müssen oft erfahren, dass man ihnen reine Vertriebsinteressen unterstellt. Auf Grund der unzureichenden Wahrnehmung in der Bevölkerung sind Betreiber oft nicht bereit in den Funktionserhalt Ihrer Anlagen zu investieren oder notwendige technische Verbesserungen durchzuführen, wenn sich der in den Regelwerken niedergelegte Wissensstand weiterentwickelt hat.
Zum anderen liegt das aber auch oft an unzureichendem Fachwissen bei den Fachleuten selbst. In den letzten Jahren hat sich unser Berufsbild sehr stark gewandelt. Der Anlagenmechaniker Versorgungstechnik oder der Installateur- und Heizungsbauer beschäftigt sich bekanntlich mit Abwasser, Erdgas, Flüssiggas, Trinkwasser, Ölheizung und -Lagerung, alternativen Energien wie Solar oder Wärmepumpen, Regen- oder Grauwassernutzung, Trinkwassererwärmung, Lüftungs- und Klimatechnik, Heizungstechnik, Mess- und Regeltechnik und vielem mehr. Es ist folglich heute gar nicht mehr möglich in jedem Teilgebiet unseres Berufs im Rahmen der Aus- oder Weiterbildung umfassende Kenntnisse zu erwerben und vor allem auch dauerhaft auf dem aktuellen Stand zu erhalten. Wenn man sich jedoch nicht explizit mit dem Thema Trinkwasser beschäftigt, können bereits unterlassene Kleinigkeiten zu einer realen Gesundheitsgefährdung der Nutzer führen – 20 cm Rohr falsch platziert oder eine mangelhafte Dämmung können an der falschen Stelle schnell zu einem hygienischen Desaster werden.
Zu den häufigsten Pflichtverletzungen in der Trinkwasser-Installation gehören in Neuanlagen immer wieder z.B. Aufwärmung im Trinkwasser (kalt) auf Grund falsch geplanter Reihen- o. Ringinstallation, zu geringe Dämmung, mikrobiologische Aufkeimung auf Grund nasser Druckprobe, „Reserveleitungen“, Korrosion auf Grund falscher Materialauswahl, Verkeimung auf Grund zu groß dimensionierter Trinkwassererwärmer (Energiespeicherung), zu niedrige Temperaturen im Trinkwasser (warm) aber auch einfach eine fehlende Dokumentation oder die unterlassene Einweisung des Betreibers.

Welche grundlegende Problematik entsteht bei der Analyse von Gefährdungen in Trinkwasser-Installationen?

Arnd Bürschgens: Bei einer Analyse von Gefährdungen geht es immer um zweierlei – der Ermittlung der Ursachen der eigentlichen Kontamination, die die Gefährdungsanalyse ausgelöst hat auf der einen Seite und dabei auf der anderen Seite auch das Aufspüren aller weiteren Gefährdungen, die von dieser Trinkwasser-Installation ausgehen können. Legionellen im System als Beispiel sind immer nur der Indikator für gravierende technische Mängel in der Installation. Die möglichen Gefährdungen sind jedoch vielfältig und deren Ermittlung erfordert ein sehr umfassendes und spezifisches Fachwissen sowie die inhaltliche Kenntnis der allgemein anerkannten Regeln der Technik. Wenn ich die Inhalte der Regelwerke nicht kenne, kann ich vor Ort auch keine Abweichungen feststellen.
Bei einer Gefährdungsanalyse geht es darum, die bereits geleistete Arbeit anderer zu bewerten ohne zu wissen, was der Kollege sich hoffentlich dabei gedacht hat. Vorhandene Systeme müssen mühsam interpretiert werden, ohne die Grundlagen der Planung und Installation zu kennen. Das ist oftmals Detektivarbeit: Sie kennen die Auswirkung und müssen anhand von Hinweisen und Spuren vor Ort den Hergang, nämlich wie es zu der Verkeimung kommen konnte, rekonstruieren und dann auch noch ermitteln, was ansonsten noch alles passieren könnte. Diese Aufgabe ist alles andere als trivial und sicher nicht mal eben anhand einer Checkliste erledigt. Dazu muss man natürlich die einschlägigen Regelwerke tatsächlich auch kennen und man muss ein Verständnis für die mikrobiologischen Zusammenhänge haben. Der alte Spruch „Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen wo’s steht“ hat in dem Fall keinerlei Berechtigung. Wenn ich ein Gutachten wie eine Gefährdungsanalyse erstellen möchte, muss ich die aktuellsten technischen Regelwerke kennen, muss sie interpretieren und in Zusammenhang bringen können.

Welche Folgen können unsachgemäße Gefährdungsanalysen haben?

Arnd Bürschgens: Der Betreiber der Installation ist für die Qualität des abgegebenen Trinkwassers verantwortlich. Hat er einen positiven Legionellen-Befund, besteht das Bedürfnis, dieses Problem schnell, kostengünstig und nachhaltig zu beseitigen. Die Grundlage hierfür ist die Gefährdungsanalyse. Wenn dieses Gutachten nicht objektiv, neutral und fachkundig erstellt wird, werden unter Umständen die Ursachen für die Kontamination nicht nachhaltig beseitigt. Mikrobiologische oder chemische Belastungen bleiben u.U. bestehen, es können unnötige und teils teure Maßnahmen veranlasst werden, mit gravierenden wirtschaftlichen Schäden. Oder es können Schäden an der Installation auftreten und im schlimmsten Fall werden die Nutzer gefährdet durch den ungeeigneten Einsatz von Chemikalien oder extrem hohen Temperaturen.
Aber auch ein Sachverständiger haftet natürlich nach § 280 BGB für den Erfolg im Rahmen des Vertrags, den er mit dem Auftraggeber schließt. Werden durch den Sachverständigen die eigentlichen Ursachen nicht ermittelt, ungeeignete Maßnahmen empfohlen, falsche (oder gar keine) Messungen durchgeführt, dann haftet er für diese Mängel im Gutachten ggf. ebenso als wenn er Vertriebsinteressen mit der Gefährdungsanalyse verfolgt (z.B. Folgeaufträge), wenn die Gefährdungsanalyse unvollständig ist (es wurden nicht alle möglichen Gefährdungen oder Ereignisse ermittelt) oder wenn er es unterlässt, bekannte Tatsachen zu berücksichtigen (Verschweigen von Mängeln, Gefälligkeitsgutachten). Die möglichen Folgen unzureichender Gefährdungsanalysen für Nutzer, Betreiber und Sachverständige sind vielfältig und erstrecken sich auf mögliche Personen-, Sach- und Vermögensschäden.

Arnd BürschgensErleben Sie Arnd Bürschgens live als Referenten zum Thema „Verbände-Richtlinie 6023 Blatt 2 – Prävention und Gesundheitsschutz nach klaren Spielregeln“ auf dem Haustechniktag 2017 am 20. und 21. Juni in Mainz.