Stellungnahme zum Coronavirus

von Prof. Dr. Daniel Piazolo

Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität. Diese Aussage von Andrew Ng, dem ehemaligen Verantwortliche für Künstliche Intelligenz (KI) bei Google und Baidu, beschreibt gut, wie dramatisch die Auswirkungen der KI sein werden.

Die Einführung der Elektrizität veränderte massiv die Abläufe im täglichen Leben der Menschen sei es in der Landwirtschaft, in der Industrie, in der Mobilität, in der Medizin oder im letzten Winkel des normalen Alltags. Ganz viele neue Industriebereiche wurden erst durch Elektrizität möglich und alle Berufe haben sich durch die Verfügbarkeit von Elektrizität geändert. Ähnliche weitreichende Änderungen sind durch KI in allen Bereichen und Berufen der Immobilienbranche zu erwarten.

Der technische Fortschritt in Form der umfassenden Digitalisierung führt zu einer neuen Welle der Automatisierung. Aufgaben, die sich wiederholen und vorhersagbar sind, werden zunehmend durch Computer oder Roboter ersetzt. Diese Automatisierung und Digitalisierung vieler Prozesse werden mit den positiven Aspekten der Kostenreduktion, höheren Produktivität, individuelleren Erfüllung der Nachfrage und Zeitgewinn bei den Angestellten in Verbindung gesetzt. Durch den KI Einsatz können Maschinen auch Tätigkeiten übernehmen, die zunehmend komplexer werden. Da die Maschinen dank KI von ihren früheren nur teilweise gelösten Aufgaben lernen, erweitern sie ihren Abdeckungsgrad der vollständig durchgeführten Aufgaben.

Wenn die Anforderungen an Qualität und Wirtschaftlichkeit erfüllt werden, gilt:

  • Was automatisierbar ist, wird automatisiert.
  • Was digitalisierbar ist, wird digitalisiert.
  • Was durch KI veränderbar ist, wird sich verändern.


Somit geht es bei der Beurteilung der Bedeutung der KI für die Immobilienwirtschaft um die zukünftigen Arbeitsabläufe innerhalb der Immobilienbranche und letztendlich um eine Einschätzung, für welche Aufgaben Menschen nicht substituierbar sind. Anders formuliert lautet die Frage: Was können Maschinen, Algorithmen und KI nicht so gut, so billig oder so flexibel wie Menschen leisten? Bei diesen Tätigkeiten kommt es dann auf den Einsatz von Menschen an. Solche Tätigkeiten werden die Kernaufgabe der Arbeitnehmer im Immobilienbereich sein. Dies kann beispielhaft an Hand der verbleibenden Aufgaben der Menschen bei Immobilienbewertungen dargestellt werden. Das implizite Wissen eines Immobiliengutachters, das „Bauchgefühl“, wird mehr und mehr durch Datensammlungen und Darstellung der Ablaufprozesse rationalisiert und damit auch durch Computerdienstleistungen ersetzbar. Da bei Bewertungen die Wirtschaftlichkeit im Wettbewerb ein entscheidender Faktor ist, werden automatisierte Wertkalkulationen an Bedeutung gewinnen und es werden sich die Kosten der Bewertung reduzieren. Software in Verbindung mit Google Maps, Google Earth, Drohnen mit Kameras und Vermessungsroboter werden viele Schritte der Bewertung einer Immobilie übernehmen.

Je mehr Schritte und je mehr von dem früheren impliziten Wissen des Gutachters durch KI übernommen wird, desto wichtiger ist die kritische Würdigung durch den Gutachter. Diese Würdigung durch den Menschen ist die „Be-Wert-ung“, die sich von der automatisierten Vergleichskalkulation unterscheidet. Somit verbleiben im Bewertungsprozess die Kontrolle der KI und die Würdigung der Ergebnisse der automatisierten Prozesse beim Menschen. Je nach Verfügbarkeit von Vergleichsdaten und Anforderung des Auftragsgebers an die Bewertungsgenauigkeit (und damit das Entgelten des Auftragsnehmers) wird der zeitliche Einsatz von zusätzlicher menschlicher Intelligenz unterschiedlich sein. Bewertungen von Eigentumswohnungen für Versicherungszwecke sind gut standardisierbar und werden schon automatisiert durchgeführt. Komplexere Bewertungen mit unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten werden auch zukünftig menschliche Würdigung und Entscheidungen benötigen.

Durch künstliche neuronale Netze werden in vielen Bereichen der Immobilienwirtschaft wie im Asset Management und im Property Management die immer weiterwachsenden Datenschätze analysiert und bisher unerkannte Verbindungen, Abhängigkeiten und Chancen identifiziert. Es geht darum die Daten zu „verstehen“. Dieses deep learning in Zeiten von Myriaden von Asset Management und Property Management Datenpunkten und billiger werdender Rechenleistung bedeutet neue Arbeitsplätze bei den Unternehmen, die sich durch (Einkauf von) Innovationsführerschaft im Wettbewerb behaupten. Durch den Einsatz von KI erfolgt der Schritt von automatisierten zu autonomen Systemen. Während automatisierte Systeme vordefi nierten Prozessen folgen, erreichen autonome Systeme die defi nierten Ziele eigenständig. Dabei werden Entscheidungen autonom getroff en und nicht vorab mit Regeln beschrieben.

Es wird für die menschlichen Arbeitnehmer nicht zielführend sein, gegen KI und Maschinen anzukämpfen. Vielmehr müssen die Menschen die verbleibenden Nischen und die sich durch den Einsatz der neuen entstehenden Betätigungsfelder besetzen. Dazu gehört die Bedienung der Maschinen und Roboter, die Analyse und Interpretation der Computerergebnisse, die Würdigung der Aussagen der KI und die Weiterentwicklung der Anwendungsmöglichkeiten der digitalen Technologien. Andere gesellschaftliche Entwicklungen wie z.B. die Zunahme an Hochbetagten, die in ihren Wohnungen alleine leben, oder umweltpolitische Herausforderungen im Immobilienbereich werden den KI Einsatz benötigen. KI ist sowohl Jobkiller als auch Jobmotor.

Für die Programmierung der Algorithmen, für die Lenkung der KI und für die neuen digitalen Prozesse wird es eine hohe Nachfrage nach passend ausgebildeten Mitarbeitern und IT-Fachkräften geben. Besonders Personal, das mit der Beurteilung und Lösung von komplexen kundenspezifi schen Problemen betraut werden kann, wird benötigt. Die damit verbundenen sich wiederholenden, administrativen Aufgaben werden zur Unterstützung von den Maschinen und der KI erledigt. Somit wird die zukünftige Arbeit in der Immobilienwelt abwechslungsreicher.

Folgende Empfehlungen können für die Immobilienbranche abgeleitet werden:

  1. Entscheidend für die Arbeitnehmer sind eine gute fundierte Ausbildung, eine hohe digitale Kompetenz und ein geübter Umgang mit KI Technologien. Da der einzelne Arbeitnehmer nicht den Wettbewerb mit den Computern bezogen auf Produktivität gewinnen kann, ist das Verstehen der KI Abläufe und die Beherrschung der digitalen Technologien der Schlüssel für die zukünftigen Arbeitsplätze.
  2. Hochschulen im digitalen Zeitalter müssen die zentrale Aufgabe annehmen, Absolventen auf den Wandel durch KI und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen in ihren Berufsfeldern vorzubereiten.
  3. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen auf kontinuierliche Weiterbildung im Bereich der digitalen Technologien achten, um das überholte Wissen regelmäßig zu erneuern. Weiterbildung wird in der KI Ära immer gefordert sein.
  4. Innerhalb von Unternehmen und Organisationen bedarf es eines klaren Fokuses auf die digitale Transformation und die Herausforderungen durch KI. Da die neuen Technologien für viele Geschäftsmodelle eine Disruption bedeuten, werden viele Anpassungsschritte nötig werden. Dabei sollte die Organisation schrittweise, aber beherzt, angepasst werden, da ansonsten die Verdrängungsgefahr durch Wettbewerber besteht.

Prof. Dr. Daniel Piazolo ist Professor für Immobilien- und Risikomanagement an der THM Technische Hochschule Mittelhessen

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Immobilienwirtschaft“, das Sie hier erhalten können