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Die Digitalisierung von Governance – was sich (niemals) ändert

03.01.2017RechtIndustrie 4.0. Digitale Transformation, ComplianceFeatured Article

Wie die Digitalisierung uns zeigt, dass Kontrolle gut, aber Vertrauen besser ist
 

Es gibt einen Nebeneffekt der Digitalisierung, der nichts mit Technologie zu tun hat: Euphorie. Die sogenannte Vierte Industrielle Revolution schickt sich an, uns in eine Welt zu versetzen, in der alles und jeder schneller, präziser, effizienter und effektiver arbeitet. Das sind im wahrsten Sinne des Wortes blendende Aussichten. Denn Euphorie verzerrt unsere Wahrnehmung von Risiken.


Ohne unnötigerweise auf die Euphorie- oder Innovationsbremse zu treten: Eine Auseinandersetzung mit der Governance- und Compliance-Perspektive der Digitalisierung ist und bleibt kritischer Erfolgsfaktor in einer Zeit voller fundamentaler Umwälzungen.

Schritthalten unmöglich
Dass im Zuge dieser Bewegung nicht nur Kulturen aufeinanderprallen, sondern auch völlig neue Sicherheitsanforderungen erwachsen, droht geflissentlich übergangen zu werden. Datendiebstahl, Hackerangriffe, das Ausspionieren von geistigem Eigentum und viele andere Formen von Cyberkriminalität werfen Fragen auf, die bisher von den wenigsten Unternehmen strukturiert betrachtet, geschweige denn beantwortet wurden.

Die Digitalisierung zeigt uns, dass sich die Instrumente durchaus verändern, echte Prinzipien aber auch die beeindruckensten technologischen Revolutionen überdauern.

Der Mangel an Komplettlösungen für die neu gestalteten Risikolandkarten der Wirtschaft ist vor allem durch die hohe Komplexität und Dynamik der Einflüsse zu erklären, die auf Vorstände und Aufsichtsräte dieser Tage einwirkt. Denn die Geschwindigkeit steigt und Kontrollverlust ist unvermeidbar, während der regulatorische Druck zunimmt. Konventionelle Compliance-Ansätze unter dem Paradigma der Kontrolle werden hier kaum Schritt halten können. Sie werden viel kosten und wenig leisten, bis sie sich im Ernstfall als wirkungslos erweisen.

Was sich jetzt ändert
Wie sieht eine unter den veränderten Rahmenbedingungen wirkungsvolle Skizze von Governance und Compliance der Zukunft also aus? Viele Aufsichtsfunktionen stehen durch die nächste Generation von Datenverarbeitung und Big-Data-Technologie vor einem Quantensprung. Detektions-Systeme der neuen Gegenwart von Compliance werden in der Lage sein, Milliarden von Daten in Sekunden auszuwerten. Wo zuvor Regeln abgeprüft wurden, entstehen lernende Systeme, die sich nahtlos in die bestehende ITInfrastruktur einfügen, Ausnahmen erkennen, eigentständige Muster bilden, Erkenntnisse in Echtzeit visualisieren, sogar Vorhersagen über die Zukunft treffen und geografisch verorten können.

Was sich niemals ändert
Es wäre dennoch ein fataler Fehler, sich beim Aufbau wirklich wirkungsvoller Integritätsund Compliance-Management-Systeme blindlinks auf sie zu verlassen. Denn am Ende ist die Frage nach „guter“ Governance keine Frage nach analogen oder digitalen Lösungen. Noch nicht einmal eine Frage von Technologie, sondern eine Frage nach menschlichem Verhalten.

Hochleistungsfähige Technologien werden Risikominimierung schneller, präziser und günstiger machen. Sie sind aber nur Baustein eines tiefergreifenderen Wandels, der Führung nicht als Pflichtübung, sondern als Treiber von Wert und Werten des Unternehmens versteht.

Das Ende des Formaljurismus
Das Ende fehlgeleiteter formaljuristischer Interpretationen von Governance und Compliance öffnet damit hoffentlich die Scheuklappen für verhaltensökonomischere Ansätze, die intelligente und unternehmensspezifische Risikominimierung mit Führungsinstrumenten verbinden, mit denen sich Integrität fordern und fördern lässt. Beispielsweise durch das Koppeln von Incentive- und Anreizsystemen an individuelles Verhalten in ethischen Dilemmasituationen oder nachhaltig gesunde Geschäftsentwicklung.

Es wird eine Zukunftsaufgabe von Governance und Compliance sein, den eigenen Ansatz genau in diesem Sinne zu verbreitern. Die Digitalisierung zeigt uns hierbei, dass sich die Instrumente durchaus drastisch verändern mögen, echte Prinzipien aber auch die beeindruckensten technologischen Revolutionen überdauern.

Über die Autoren:

Dr. Stefan Heißner Felix Benecke

Dr. Stefan Heißner (links) Diplom-Ökonom, Certified Fraud Examiner, Kriminalkommissar a.D. leitet bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY die Abteilung Fraud Investigation & Dispute Services sowie den Bereich Business Integrity & Corporate Compliance in Zentraleuropa und der GUS. Heißner ist international anerkannter Experte und Dozent für Kriminalistik, Verhaltensökonomie und Compliance, Autor zahlreicher Fachbeiträge sowie des Fachbuches „Erfolgsfaktor Integrität“.

Felix Benecke (rechts) Diplom-Kaufmann, entwickelt als Partner und Markets Leader in den Bereichen Fraud Investigation & Dispute Services sowie Business Integrity & Corporate Compliance bei EY Integrity-Management-Systeme, kombiniert mit Wertemanagement- und Vergütungskonzepten.

www.ey.com
 

Dieser Beitrag ist Teil der aktuellen Ausgabe des Handelsblatt Journals „Industrie 4.0 – Smart – Agile - Connected“, das Sie hier erhalten können