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Kürzere Lieferzeiten und niedrigere Transportkosten

07.01.2019Handel & MarketingSeidenstraße, Europa, Handelsrouten

Europäische Unternehmen profitieren von Neuer Seidenstraße

Die Seidenstraße, die, anders als ihre Bezeichnung vermuten lässt, keine einzelne Straße, sondern ein Geflecht aus vielen Handelsrouten ist, hat eine mehr als 2.000 Jahre zurückreichende Geschichte.

Sie diente in früheren Zeiten nicht nur dem Transport von Seide, sondern auch dem Austausch von vielen hochwertigen Waren wie Gewürzen, Edelsteinen und Porzellan. Durch die Erschließung von Seewegen nahm die Bedeutung der antiken Seidenstraße im Laufe der Jahrhunderte ab. Doch spätestens mit dem Megaprojekt „Belt and Road Initiative“ (BRI), das eine Verbesserung der Transportwege über Land und Wasser anstrebt, erleben die Handelsverbindungen zwischen Ost und West einen ungeahnten Aufschwung.

Die 2013 vorgestellte BRI soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den eurasischen Ländern fördern. Schätzungen zufolge haben chinesische Banken in den vergangenen fünf Jahren rund 200 Milliarden Dollar Kredite für rund 2.600 Projekte der BRI vergeben. Zudem wurden Dutzende bilaterale Regierungsvereinbarungen geschlossen. Welche Bedeutung die Initiative hat, zeigt sich nicht zuletzt in der großen Zahl von Projekten und mehr als 90 beteiligten Ländern.

Das Netz transkontinentaler Schienenverbindungen zwischen Ost und West wird stetig erweitert. Die transkontinentalen Schienenverbindungen werden auch als Landbridge bezeichnet und sind ein wichtiger Arm der BRI. Um Asien, Europa und Afrika miteinander per Landbrücke zu verknüpfen, sind sechs Korridore geplant. Einer der Korridore verläuft von China nach Westeuropa Richtung Deutschland, Frankreich und Spanien. Weitere Routen sind der China-Pakistan- sowie der China-Zentralasien-Westasien-Korridor. Geplant sind zudem ein China-Mongolei-Russland-, ein China-Bangladesch-Indien- sowie ein China-Indochina-Korridor.

Um die Neue Seidenstraße zu etablieren, hat sich die BRI mehrere Ziele gesteckt. Hierzu zählen die politische und finanzielle Koordination und der Ausbau der Infrastruktur genauso wie die Förderung unternehmerischer Netzwerke. Auch wenn es nicht nur positive Stimmen zur Belt and Road Initiative gibt, wird diese doch besonders in den Empfängerländer begrüßt. Für viele europäische Unternehmen bieten sich große Chancen, an der wirtschaftlichen Entwicklung teilzuhaben. Allerdings herrscht bei vielen Unternehmen aus Europa auch eine große Portion Unklarheit und Unsicherheit, wie sie sich in die BRI einbringen und von Investitionen profitieren können.

Für viele europäische Unternehmen bieten sich große Chancen, an der wirtschaftlichen Entwicklung teilzuhaben.

Unsicherheit noch hoch

So ist die Stimmung deutscher Unternehmen in China durchaus gemischt. Laut einer im vergangenen Jahr durchgeführten Wirtschaftsumfrage der Deutschen Handelskammer sind immerhin rund 30 Prozent der in China tätigen deutschen Unternehmen an der BRI beteiligt oder erwägen zumindest eine Beteiligung. Gleichzeitig sind aber zwei Drittel aller befragten deutschen Unternehmen in China unschlüssig darüber, ob sich ihre Investitionen in die Neue Seidenstraße überhaupt positiv auf ihr Geschäft auswirken werden.

Als global tätiges Unternehmen sieht zum Beispiel die Rhenus-Gruppe, einer der führenden Logistikdienstleister in Deutschland, große Potenziale der Landbridge für europäische Firmen. Die wichtigsten Vorteile bestehen darin, dass Lieferzeiten verkürzt und Kosten gesenkt werden können. Unternehmen profitieren also von niedrigeren Kosten, wenn sie Produkte an BRI-Länder verkaufen wollen.

Um zu verstehen, inwieweit die Transportzeit verkürzt werden kann, müssen die bisherigen Verbindungen zwischen Europa und Asien genauer betrachtet werden. Ein Großteil von Gütern wurde bislang über den Seeweg transportiert. Dies dauert im Schnitt rund 40 Tage. Lediglich ein deutlich kleinerer Teil von sehr hochwertiger oder verderblicher Fracht wurde bisher per Luftfracht versendet – dies jedoch verbunden mit deutlich höheren Transportkosten.

Dank der neuen Landkorridore, über die Waren hautsächlich per Güterbahn transportiert werden, erreichen diese ihr Ziel nach einer Transportzeit von zwölf bis 20 Tagen. Damit sind sie im Vergleich zum Schiff oft mehr als doppelt so schnell am Ziel. Und das, obwohl Europa und China sowie die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion unterschiedliche Spurweiten haben und zwischen Normal- und Breitspur gewechselt werden muss.

Auch die Rhenus-Gruppe verzeichnet eine steigende Nachfrage nach Alternativen zu den etablierten Seetransportwegen oder auch zur Luftfracht. Entsprechend bietet das Projekt „Rhenus Landbridge“ als Teil des Geschäftsfeldes Air & Ocean Teil- und Komplettladungsverkehre per Schiene zwischen China und Europa an. Hierbei werden drei verschiedene Routen genutzt: Zwei führen von China über Kasachstan beziehungsweise die Mongolei und Weißrussland nach Europa. Daneben gibt es die transsibirische Route über Russland und Weißrussland. Durch ihr internationales Netzwerk mit Standorten und Warenhäusern kann Rhenus sowohl in Asien als auch in Europa die transportierten Güter von Tür zu Tür liefern.

Investitionen in Automobil- und Baubranche

Zwar liegen die Kosten für den Transport per Schiene höher als per Seefracht, doch sind sie damit immer noch erheblich günstiger als Luftfracht. Unternehmen, die die Landbridge regelmäßig für Transporte nutzen, können ihre Lagerbestände reduzieren. Aufgrund insgesamt hoher Lagerkosten überwiegen die Einsparungen selbst bei teureren Transportkosten.

Zudem können europäische Unternehmen unter Umständen erhebliche Investitionen von chinesischen Unternehmen erhalten. So erwarb beispielsweise die China Ocean Shipping Group Company im April 2016 51 Prozent der Anteile am griechischen Hafen von Piräus, weitere 16 Prozent sollen nach fünf Jahren folgen. Zusätzlich verpflichteten sich die Chinesen zu Investitionen von über 350 Millionen Euro im Hafen von Piräus.

Auf der westlichen Route der Landbridge werden vor allem Konsumgüter, hochwertige Elektronikartikel sowie Automobilteile transportiert. Für die östliche Route sind es häufig Ersatzteile, Maschinenbauteile, Stahlrohre und Kabel. Weniger geeignet ist der Transport von Gefahrgütern auf der Schiene, da dieser von der chinesischen Staatsbahn derzeit streng reguliert wird. Auch für Plastikprodukte und Altmaterial lohnt sich der Landweg aufgrund der höheren Transportkosten im Vergleich zum Schiff nicht.

Ein Großteil deutscher Investitionen entlang der Neuen Seidenstraße geht in die Automobil- und Baubranche, aber auch in Transport und Logistik, Energie sowie Wirtschaft und Finanzen wird investiert. Fast die Hälfte der an der BRI beteiligten deutschen Unternehmen macht dies nach Angaben der Deutschen Handelskammer als Subunternehmer oder Zulieferer chinesischer Firmen.

Bereits über 10.000 Transporte

Bis Juni 2018 wurden auf den bislang bestehenden Korridoren von China nach Europa insgesamt über 10.000 Transporte durchgeführt sowie rund 800.000 Standardcontainer zwischen 48 chinesischen und 42 europäischen Städten transportiert, davon bis 2017 allein 65.000 zwischen China und Deutschland. Aktuell entstehen immer neue Verbindungen entlang der Landbrücke. So brachte der erste Frachtzug aus dem südlich von Shanghai gelegenen Yiwu an Chinas Ostküste Anfang Januar 2017 44 Container in die britische Hauptstadt London. Drei Monate später erreichten doppelt so viele Container aus London die chinesische Zhejiang-Provinz. Das hierfür genutzte Güterverkehrszentrum Khorgos Gateway in Kasachstan soll ausgebaut und durch steigende Frachtmengen zum größten Umschlagsbahnhof der Welt avancieren.

Über den reinen Transport hinaus bieten Logistikdienstleister spezielle Mehrwertdienstleistungen für Unternehmen, die auf der Neuen Seidenstraße aktiv sind, an. Hierzu gehören die Bündelung von Waren in Teil- und Komplettladungen, die Zustellung zum Endkunden auf der letzten Meile, die Verzollung und Versicherung der Güter oder auch die Sendungsverfolgung von Gütern mittels Track & Trace. Insbesondere die Zollverfahren unterliegen den unterschiedlichen Anforderungen der jeweiligen Länder und sind eine Herausforderung für sich. Daher ist es von Vorteil, über ein internationales Netzwerk in den Herkunfts-, Transit- und Zielländern zu verfügen oder mit gut verzahnten Partnern zu arbeiten.

Neben lokalen Partnerunternehmen hat die Rhenus-Gruppe eigene Niederlassungen in China und vielen weiteren BRI-Ländern. Die Expertise vor Ort ist zwingend notwendig, damit ein sicherer, schneller und effizienter Transport der Waren gelingt.

2017 startete Rhenus Road Freight East das Projekt „Rhenus Silk Way“, mit dem das Unternehmen Europa und China bis 2020 durch bestehende sowie neue Hubs miteinander verbinden wird. Im vergangenen Jahr wurden bereits Drehkreuze in Mailand und im Nordosten Chinas aufgebaut und neue Teilladungsverbindungen zwischen Westeuropa sowie acht russischen Städten etabliert. Zusätzlich zur Entwicklung und zum Aufbau von europäischen, russischen und chinesischen Hubs werden weitere Verkehre in russische Regionen sowie ein Grüner Zollkorridor inklusive automatisierter Verzollung geschaffen. Zudem soll ein neues Logistikzentrum in Südrussland als Verbindung zwischen Europa und China insbesondere für Kunden aus dem Agrarsektor eröffnet werden.
 

Tobias BartzTobias Bartz
Vorstand
Rhenus SE & Co.KG

 

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Die Zukunft der Industrie“, das Sie hier erhalten können.