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Verändert künstliche Intelligenz die Gesellschaft?

Dr. Emilio Matthaei im Gespräch mit der Redaktion des Handelsblatt Journals:


LEVERTON hat zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eine Art Robojuristen entwickelt, der Verträge ausliest und versteht. Dies ermöglicht schnelleres und besseres Arbeiten an umfangreichen Vertragswerken. Geht den Juristen jetzt die Arbeit aus? Diese Befürchtung haben einige Anwälte angesichts der Revolution, die Legal-Techs anstoßen.

Dr. Matthaei:
Ich kann die Befürchtungen klar besänftigen. Die meisten Vertreter der LegalTech Szene glauben nicht, dass Anwälten die Arbeit ausgeht oder ausgehen wird. Die künstliche Intelligenz kann heute zahlreiche repetitive und aufwendige simple Arbeiten, jedoch nicht eine Vertragsprüfung ersetzen.

Die Leistungsfähigkeiten von Algorithmen hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Moderne Cloudinfrastrukturen setzen dazu enorme Rechenkapazität frei. Diese Entwicklung wird auf unser aller Arbeitswelt Einfluss haben – ob Sie wollen, oder nicht. Vergleichbar ist dies mit der Entwicklung von Fahrzeugen. Autos haben Mobilität nicht ersetzt, sondern wesentlich akzeleriert.

LegalTech heißt aber auch, dass sich die Arbeit von Anwälte signifikant verändert. Ich bin der Überzeugung, dass der Anspruch der anwaltlichen Arbeit steigt sowie auch der Anteil der anspruchsvollen Themen bei der Arbeit. Die Arbeit muss so nicht abnehmen; Honorare könnten partiell sogar steigen.

LEVERTON hat zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eine Art Robojuristen entwickelt, der Verträge ausliest und versteht. Dies ermöglicht schnelleres und besseres Arbeiten an umfangreichen Vertragswerken. Geht den Juristen jetzt die Arbeit aus? Diese Befürchtung haben einige Anwälte angesichts der Revolution, die Legal-Techs anstoßen.

Dr. Matthaei:
Zunächst könnten wir festhalten, was ein Jurist eigentlich den ganzen Tag macht. Als Betriebswirt sehe ich es wie folgt:

(i) Schreiben. Der Jurist legt mit einem Text vor, mit denen ein Management oder eine Person rechtsverbindliche Entscheidungen erwirkt und Wirksamkeit schafft. Der Vertrag wird damit die Ablage von Entscheidungen oder Wirksamkeit in Form eines Dokumentes oder einer Bilddatei.

(ii) Lesen. Der Jurist prüft einen Text aus einem PDF, welches die "unstrukturierte" Ablage von historischen Entscheidungen in Form einer Bilddatei ist. Der Review ist hierbei erschwert, da der Jurist grundsätzlich erstmal nicht weiß, was in einem Dokument geregelt ist.

(iii) Prüfen. Während dem Schreiben und Lesen prüft der Jurist, welche Wirksamkeit sein Text bekommt oder das Dokument hat, welches er liest. Es hängt hier stark von der Jurisdiktion ab, was er exakt hier macht.

LegalTech und somit auch künstliche Intelligenz wird bei allen drei Bereichen spannende neue Lösungen ermöglichen:

Zu (i) Schreiben: Warum muss ein Anwalt Klausel neu schreiben, die tausende anderer Anwälte bereits einmal geschrieben haben. Warum gibt es kein Vorschlagswesen, dass Klauseln für bestimmte Inhalte vorschlägt, die andere Anwälte in einem solchen bestimmten Kontext bereits schrieben. Es gibt hier bereits gute Lösungen für simple Dokumente (zB NDAs). Leistungsfähigere Algorithmen, skalierbare Cloudinfrastrukturen und flexible Systemarchitekturen werden Lösungen für immer komplexere Sachverhalte präsentieren.

Zu (ii) Lesen: Warum muss ein langer Vertrag von 100 Seiten gelesen werden, wenn nur eine ganz spezifische Vertragsstelle von Interesse ist? Warum werden bilinguale Anwälte benötigt, um verschiedensprachige Dokumentenportfolien zu lesen? Das Lesen wird sich durch LegalTech stark reduzieren und Anwälte werden zukünftig viel, viel schneller durch Dokumente navigieren. Es wird zu hilfreichen Lösungen kommen – ein Beispiel: Suchen Sie lieber eine Email im GMAIL oder eine Brief in einem riesigen Aktenschrank.

Zu (iii) Prüfen: Warum muss man sich den Prüfkontext detailliert erarbeiten (zB Cases raussuchen), wenn sich andere bereits damit befasst haben? Es gibt bereits Lösungen, die Vorschläge geben. Wenn man zB bei "Wer-wird-Millionär" bei jeder Frage einen Publikums-Joker nutzen könnte, würden mehr Spieler eine Million gewinnen. Ich will damit sagen, dass ein Jurist der Zukunft mit künstlicher Intelligenz besser prüft, wenn er entsprechende Legal-Tech Lösungen richtig bedienen kann.

Was sind mögliche Entwicklungen und Grenzen dieser Revolution?

Dr. Matthaei:
Anwälte – wie im Übrigen auch alle anderen Dienstleister – sollten genau beobachten, welche Lösungen sich durchsetzen und was sie für Ihre Arbeit bedeuten.

Die Erfindung von Motor und Auto haben den Job eines "Fahrers" nicht ersetzt. Das Fahren von Kutschen wurde aber nicht mehr nachgefragt – so mussten Fahrer umsatteln und lernen, ein Auto zu fahren.

Welcher Anwalt bedient heute noch einen Füllfederhalter oder eine Schreibmaschine? Der Mandant würde sich darauf nicht lange einlassen.

Wir müssen lernen, dass Algorithmen und moderne technische Infrastrukturen in Zukunft Standard sein werden. Traditionelle Anwälte verschliesen sich dieser Thematik teilweise; junge Anwälte bauen auf neuen Lösungen Ihr Kanzleimodell.

Die Frage zu möglichen Grenzen ist schwer zu beantworten. Ich glaube, dass erst sehr wenige leistungsfähige Lösungen am Markt angeboten werden und LegalTech noch am Beginn des Zyklus steht. Es wird viele Jahre / eine Generation dauern, bis Lösungen flächendeckend verwendet werden.

Wie kam es, dass Sie sich mit dem Thema Vertragsmanagement durch intelligente IT-Lösungen befasst haben? Die Verschmelzung von Recht und Technologie wurde lange skeptisch beäugt.

Dr. Matthaei:
Ich arbeitete vor LEVERTON als Investment Banker bei Goldman Sachs. Die Arbeit mit Dokumenten fand – und finde ich nach wie vor sehr anstrengend. Wenn man sich die System-Architektur von Unternehmen anschaut, gibt es in den meisten Fällen ein ERP-System (Enterprise Resource Planning) und ein DMS-System (Dokumenten Management System).

Die Suche nach den rechtsverbindlichen Informationen in PDFs sowie die Verzahnung von ERP- und DMS-Systemen wird bis heute nur bedingt durch technische Lösungen unterstützt. Die Grundlage für die Koexistenz ist, dass rechtsverbindliche Daten unstrukturiert in Dokumenten im DMS-System vorliegen und Entscheidungen / Reporting / Analysen / Prozesse mit strukturierten Informationen gemacht werden, die heute noch zumeist „händisch“ in ERP-Systeme eingegeben werden. LEVERTON arbeitet nun daran, die Systemwelten zu verknüpfen und der händischen Arbeit ein Ende zu setzen.
 

Dr. Emilio MatthaeiDr. Emilio Matthaei
Geschäftsführer von Colinus, Gründer von LEVERTON sowie ELTA (European LegalTech Association)


 

 

 

Dieser Beitrag ist Teil der Ausgabe des Handelsblatt Journals „Restrukturierung Sanierung Insolvenz“, das Sie hier erhalten können.