#rethinkimmo-Interview:
Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern und Prof. Dr.-Ing. Nikolas Müller


Rethinking Real Estate – Wertschöpfung durch Kooperation im Lebenszyklus

Wir haben uns im Nachgang zur Euroforum Konferenz „Rethinking Real Estate“ mit Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern und Prof. Dr.-Ing. Nikolas Müller unterhalten: Beide sehen Bildung und Forschung zu interdisziplinären, schnittstellenübergreifenden und Leadership-Themen der Immobilienwirtschaft als wesentliche Voraussetzungen für ein neues Denken von Immobilien und nachhaltige Wertschöpfung. Sie engagieren sich deshalb in der gemeinnützigen Real Estate & Leadership Foundation e.V.. Die Foundation wurde gegründet, um die Immobilienwirtschaft zu professionalisieren, und hat im Zuge dessen den Studiengang M.Sc. Real Estate & Leadership (MSc REaL) initiiert, der im Jahr 2017 an der HSBA Hamburg School of Business Administration an den Start ging.

Frau Prof. Kämpf-Dern, Herr Prof. Müller, warum sollte man „Real Estate“ neu denken?

AKD: Immobilien sind über den Lebenszyklus betrachtet mit ihren vielfältigen physisch-technischen, funktional-sozialen sowie ökonomisch-rechtlichen Aspekten, die bei Konzeption, Planung, Bau und Betrieb zu beachten sind, hoch komplex. Mit dieser Komplexität stehen sie in nichts einem Menschen mit seiner individuellen Physis und Psyche nach. Allerdings ist der Stand von Bildung und Forschung bei Immobilien, und damit die Generierung neuer Ideen, Innovation und Fortschritt, nicht annähernd so gut wie im Bereich Medizin. Das müssen wir ändern, um nachhaltige Wertschöpfung zu erreichen.

NM: Die Komplexität hat in den vergangenen Jahrzehnten sogar zugenommen. Um den spezifischen Fragestellungen dennoch kompetent zu begegnen, wurden in der Vergangenheit neue Berufsbilder geprägt und insgesamt immer stärker spezialisiert und fragmentiert. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die vielen im Lebenszyklus beteiligten Akteure zwar in unterschiedlichster Weise auf Immobilien schauen, sich aufgrund ihrer hochspezialisierten Ausbildungen aber oft nicht mehr verstehen und deshalb nicht wirklich effektiv zusammenwirken können.

Was sind für neues Immobiliendenken und nachhaltige Wertschöpfung die Voraussetzungen?

AKD: Die Spezialisierung in der Immobilienausbildung zum Beispiel als Architekt, Ingenieur oder Wirtschaftswissenschaftler, hat den Nachteil, dass die Betrachtung von Real Estate aus diesem jeweils einseitigen Wissen erfolgt. Demgegenüber werden künftige Mediziner zu Beginn ihrer Ausbildung mit den interagierenden Grundlagen zu unterschiedlichsten Aspekten des menschlichen Organismus vertraut gemacht. Dies ist vollkommen unabhängig davon, in welchem Bereich sie sich später als Facharzt qualifizieren. Mediziner erhalten so, anders als die verschiedenen Immobilien-Akteure, ein grundsätzliches Gesamtverständnis. Erst dieses Gesamtverständnis ermöglicht es ihnen, Zusammenhänge zu erfassen und entsprechende, wirksame Lösungsansätze zu finden. Studiengänge wie der MSc Real Estate & Leadership an der HSBA Hamburg oder der BSc/MSc Management [Bau Immobilien Infrastruktur] an der Bauhaus-Universität Weimar bieten die Chance, die verschiedenen Themenbereiche, Perspektiven, Partikularinteressen, „Sprachen“ und (Führungs-)Kulturen der im Lebenszyklus beteiligten Disziplinen systematisch zu vermitteln. So werden „Übersetzer“, Vermittler, Koordinatoren und Visionäre ganzheitlicher Wertschöpfungsprozesse ausgebildet und zudem die notwendigen Voraussetzungen für Forschung und Weiterentwicklung dieser Themen geschaffen.

Welchen Vorteil birgt der interdisziplinäre Blick auf den Bereich „Real Estate“?

NM: Immobilien von Beginn der Ausbildung an interdisziplinär und ganzheitlich denken zu können, bietet den Vorteil, effektiv und kreativ neue Ansätze für aktuelle und künftige immobilienbezogene Herausforderungen zu finden. Insbesondere bei den gegenwärtig anstehenden Themen wie zum Beispiel der Wohnungsknappheit, dem Klima- und Ressourcenschutz und der demographischen Entwicklung in Deutschland ist ein massiv verstärkter Fokus auf interdisziplinärere Bildung und Forschung unumgänglich. Nur so können wir zu evidenzbasierten, langfristig tragbaren und nachhaltigen Lösungen kommen, die der Bedeutung von Immobilien für unsere Gesellschaft gerecht werden und gleichzeitig neue Handlungsoptionen der Effizienz und Fairness ermöglichen. Das ist umso relevanter, als dass Immobilien das Leben von Menschen und Stadtbildern über einen sehr langen Zeitraum bestimmen und gleichermaßen lange auf natürliche Umwelt und Klima wirken.

Was folgern Sie daraus?

AKD: Analog zum interdisziplinären Ansatz der Medizinausbildung erscheint es äußerst sinnvoll, zukünftigen Immobilienentscheidern frühzeitig architektonisches, raumplanerisches, umwelt-ökologisches, technologisches, soziologisches, rechtliches, wirtschaftliches und Management-Know-how zu vermitteln, damit sie ein gutes Verständnis dafür erlangen können, welche Entscheidungen sich innerhalb des gesamten Lebenszyklus einer Immobilie wie auf was und wen auswirken werden. Die gegenwärtig vorherrschende Spezialisierung in der Ausbildung wird der Komplexität gebauter Lebenswelten nicht gerecht. Dadurch entstehen sowohl für die einzelnen Akteure als auch volkswirtschaftlich betrachtet Nachteile, von den nicht genutzten Potenzialen ganz zu schweigen.

NM: Unser Ziel muss sein, die gebaute Umwelt nachhaltig zu entwickeln. Dafür sind hohe Methoden- und Problemlösungskompetenzen die Voraussetzung. Ebenso persönliche Kompetenzen, Erfahrungen in Teamwork sowie ein Verständnis von Leadership, das den Anforderungen in puncto Kommunikation und Kooperation gerecht wird. Dazu gehört auch ein ausgewiesenes Verständnis für die Partikularinteressen sämtlicher im Lebenszyklus beteiligten Stakeholder. Diese Aspekte werden in dem von uns entwickelten MSc-Studiengang „Real Estate and Leadership“ parallel adressiert.

AKD: Auch der Bereich Forschung ist von großer Bedeutung. „Rethinking Real Estate“ bedeutet nicht nur, heute Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden, sondern auch, künftige Herausforderungen und deren Lösung zu antizipieren und Strukturen zu schaffen, die unsere Gesellschaft hierfür vorbereitet. Eine deutlich intensivierte Immobilien-Bildung und -Forschung spielt hierbei eine herausragende Rolle.

Was kann eine Veranstaltung wie die Euroforum-Konferenz „Rethinking Real Estate“ zu Immobilien-Bildung und -Forschung beitragen?

AKD: Wie bei jeder Konferenz birgt das Zusammenkommen von Menschen enormes Potenzial für neue inhaltliche und persönliche Verknüpfungen. Dieses Potenzial ist umso größer, je heterogener die zusammenkommenden Inhalte und Personen sind, vorausgesetzt, es gibt verbindende Interessen, wie hier die Schnittstellenthematiken über den gesamten Lebenszyklus von Immobilien. Wenn dann auch noch der Fokus auf möglichst neue Themen und bisher wenig bekannte Beispiele und Erkenntnisse gelegt wird, wie es bei „Rethinking Real Estate“ der Fall ist, dann lernen nicht nur Einzelne und werden ermutigt, Neues auszuprobieren und darüber zu berichten; auch führen solche Impulse und gemeinsame Gespräche zu weiteren neuen Ideen und Projekten. Kurz: Die „Rethinking Real Estate“-Konferenz hat zu kreativitätsfördernden Begegnungen geführt, aus denen weitere immobilienbezogene Innovationen mit hohem Lösungspotenzial für aktuelle und künftige gesellschaftliche Herausforderungen erwachsen.

NM: Um die interdisziplinären, lebenszyklusübergreifenden Thematiken von Immobilien zu beleuchten und in Wirtschaft und Wissenschaft weiter zu verbreiten und zu innovieren, bedarf es Begegnungsmöglichkeiten zwischen allen beteiligten Disziplinen, zwischen Privaten und der Öffentlichen Hand, zwischen Nutzern, Lehrenden und Forschern, und das auf hohem Niveau. Bisher gibt es wenige derartige Angebote. Kongresse und Tagungen sind in der Regel sehr stark auf einen Themenbereich verengt. Immobilien-Bildung und -Forschung auf hohem Niveau funktioniert am besten im Schulterschluss von Wirtschaft und Wissenschaft. Konferenzen wie „Rethinking Real Estate“ sind hierfür extrem hilfreich, das hat die Veranstaltung exemplarisch gezeigt.

Prof. Dr. Dipl.-Ing. Dipl.-Kffr. Annette Kämpf-Dern, MBA, wurde 2017 auf die Professur Immobilienwirtschaft und -management an der Bauhaus-Universität Weimar berufen, die sie seitdem in Lehre, Forschung und Transfer vertritt. Ihre Themen sind sämtlich schnittstellenübergreifend und interdisziplinär: Unternehmensführung in der Immobilienwirtschaft i.w.S., Stakeholder Relations in Real Estate, Real Estate Asset und Property Management, CREM / Workplace Management / „SIM-OFFICE“, Project Development & Management sowie Real Estate Higher Education.
Die Initiatorin und Mitgründerin der Real Estate & Leadership Foundation e.V. hat das gleichnamige Masterprogramm konzeptioniert, das 2017 an der HSBA Hamburg School of Business School startete. Sie ist u.a. auch Mitglied des Advisory Board des ULI Germany sowie des TWR Transdisciplinary Workplace Research Network Boards.

Prof. Dr.-Ing. Nikolas Müller leitet seit 2017 die Professur Real Estate Engineering & Management an der HSBA Hamburg School of Business Administration. Er ist zudem Studiengangleiter des von der REaL-Foundation initiierten und geförderten Studiengangs M.Sc. Real Estate & Leadership. Der praktizierende Architekt promovierte am Institut für Soziologie, TU Berlin, und forschte u.a. als wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU Darmstadt zu ökonomisch-energetischen Themen. In der gif Gesellschaft für immobilienwirtschaftliche Forschung leitet Prof. Dr. Müller die Kompetenzgruppe Wohnen.

Im Wintersemester 2017/18 startete erstmals der Master-Studiengang Real Estate & Leadership an der HSBA Hamburg School of Business Administration. Initiiert wurde er von der Real Estate and Leadership Foundation (REaL e.V., www.real-foundation.net) Der im Februar 2015 in Hamburg gegründete Verein fördert Wissenschaft, Forschung und Bildung zu interdisziplinären, schnittstellenübergreifenden und Leadership-Themen der Immobilienwirtschaft. Zu den Mitgliedern zählen namhafte Unternehmen der Immobilienwirtschaft wie Union Investment, ECE, Patrizia Immobilien, Art Invest, APO Projekt und Drees & Sommer. Der interdisziplinäre, praxis- und forschungsbezogene Ansatz des Studiengangs, der sich an Bachelor-Absolventen aus den Bereichen Bauingenieurwesen und Gebäudetechnik, Architektur und Stadtplanung sowie Wirtschaftswissenschaften richtet, ist in der bundesdeutschen Bildungslandschaft einmalig.

Für den MSc REal Estate and Leadership läuft aktuell die Bewerbungsphase für das Wintersemester 2019/20. Weitere Informationen unter www.hsba.de/mscreal.