Drei Fragen an … Oliver Leisse, Trend- und Zukunftsforscher

„Der Kunde definiert neue Regeln“

Oliver Leisse

Zukunftsforscher

Oliver Leisse

Zukunftsforscher

Trendforschung ist die Leidenschaft des umtriebigen Strategen, Speaker, Autors und Marketingexperten. Nach einer langjährigen Laufbahn als Strategie-Berater bei internationalen Werbeagenturen, gründete Oliver Leisse sein erstes Forschungsinstitut EARSandEYES GmbH und baute in Kapstadt die Trendforschungsdivision auf. 2008 gründete er das SEE MORE in Hamburg, von hier steuert er ein globales Team an Scouts, das weltweit Consumer Insights und neue Trends aufspürt, um auf dieser Basis innovative Strategien für hochkarätige internationale Marken zu entwickeln.

Oliver Leisse steht für inspirierende Vorträge zu Themen wie Zukunft, Digitalisierung, Internet der Dinge, innovatives Marketing und viele weitere Themen.

    „Der Kunde definiert neue Regeln, die Unternehmen kennen und einhalten müssen, sonst verlieren sie zunehmend ihre Position im Relevant Set.“

    Was erwarten Kunden heute und in Zukunft von Unternehmen? Oliver Leisse, Trendforscher und Inhaber des Marktforschungsinstituts SEE MORE in Hamburg, ist überzeugt: Die Macht des Kunden wird in Zukunft noch zunehmen und seine Kaufentscheidungen werden die Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig prägen. Die Corona-Pandemie hat hier einen grundlegenden Wandel im Konsumverhalten in Gang gesetzt: weg vom unreflektierten Kaufen, hin zu verantwortungsvollem Konsum und der Frage: „Warum soll ich das Produkt kaufen und was macht es mit uns und unserer Welt?“
    Oliver Leisse erklärt das neue Werteverständnis der Kunden und ruft Unternehmen – nicht nur aus der Wohnungs- und Energiewirtschaft – auf, mutige und riskante Entscheidungen zu treffen.

    Auf der WE.thinkfuture 2020 waren Sie Teil einer Diskussionsrunde zum Thema „Der Kunde macht die Regeln“: Hat der Kunde bzw. Konsument Ihrer Meinung nach mehr Macht als früher und wenn ja, sehen Sie das als positive Entwicklung?
    Er hat mehr Macht, er ist anspruchsvoller denn je. Und da er die Nachfrage bestimmt, müssen sich alle Unternehmen ohne Ausnahme auf ihn einstellen. In der Vergangenheit genügte ein Angebot mit gutem Preis-Leistungsverhältnis, um ihn zu erreichen. Jetzt werden die Ansprüche deutlich komplexer. Da muss ein Angebot auch noch einen guten “Purpose” mitbringen, also einen gesellschaftlichen Mehrwert beinhalten. Kaufprozesse müssen ein möglichst angenehmes, bequemes Erlebnis bieten. Der Kunde definiert neue Regeln, die die Unternehmen kennen und einhalten müssen, sonst verlieren sie zunehmend ihre Position im Relevant Set.

    In Ihrem kürzlich veröffentlichten, neuen Buch „So geht Zukunft“ behandeln Sie die wichtigen Zukunftsfragen, die sich aus der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Unsicherheit ergeben. Wie wird sich Corona Ihrer Meinung nach auf das Thema Kundenmacht auswirken?
    Die Pandemie hat das Hamsterrad des oft unreflektierten Konsums angehalten. Der Kunde wurde abgebremst und aufgefordert, sich zu fragen: “Was brauche ich wirklich, wofür ist es gut, was ist meine Verantwortung bei einem Kauf?” Gut, am Anfang kamen unbedachte Hamsterkäufe, das Toilettenpapier wurde knapp. Das ist ein sehr spezielles Beispiel, das dennoch zeigt, dass wir uns in einem Umdenkungsprozess befinden, hin zu der Frage, was wirklich notwendig ist. Wir können gespannt sein, wie sich dieses neue Denken der Kunden in jeder Branche und auf die jeweiligen Produkt- und Serviceangebote auswirken wird – auch in der Wohnungs- und Energiewirtschaft.

    Im Buch rufen Sie dazu auf, mutige, ggf. sogar riskante Entscheidungen zu treffen, um die Chancen und Möglichkeiten zu nutzen, die die Zukunft bereithält. Was würden Sie in diesem Zusammenhang Unternehmen raten, die sich mit einem sich verändernden Kundentypus konfrontiert sehen?
    Das Mittel gegen Unsicherheit lautet: Erst Analyse und dann Aufbruch. Ich rate dazu, mit den Kunden zu sprechen und ihre Wünsche, Enttäuschungen und neuen Erwartungen kennenzulernen. Wir machen das in der Zukunftsforschung in 50 Metropolen weltweit mit unzähligen Interviews. Wenn man weiß, was der Konsument heute will, kann man schon morgen das passende Angebot entwickeln. Das ist ein anstrengender Aufbruch und natürlich braucht man mutige Entscheidungen, starke Partner und viel Flexibilität. Hier müssen auch die internen Strukturen oft erst noch geschaffen werden.

    Das Problem ist nur: Es gibt keinen Weg zurück, die Unsicherheit in der Planung bleibt uns sicher noch einige Jahre erhalten. Da muss man mutig von Eisscholle zu Eisscholle springen, um seinen Weg in die Zukunft zu finden. Und manchmal landet man im kalten Wasser. Aber die Bewegung ist entscheidend, wer heute auf seiner Eisscholle bleibt und sich in seinen Iglu zurückzieht, driftet ab und verliert den Bezug zum zukünftigen Festland.
    Ich bin sicher, die Auswirkungen der aktuellen Krise bringen uns alle weiter, denn es geht voran. Wir fangen an, die Zukunft ganz neu zu denken. Und ohne eine gute Vision von der Zukunft kann man keinen Weg dorthin definieren. Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.
    In „So geht Zukunft“ zeigen wir hierfür Handlungsoptionen auf, abgeleitet aus den Forschungsergebnissen unseres internationalen Teams von SEE MORE.